Eine Woche noch, dann kommt es in Sachsen-Anhalt zum Showdown. Wenn es dumm läuft, muss Ulrich Siegmund Farbe bekennen und wird scheitern. Jaja, wir kennen alle die Schreckensbilder, die Social Media derzeit zeichnet. Vom Untergang wird erzählt, vom Vierten Reich und so weiter und so fort. Ach, und nicht zu vergessen: „Die sind alle Nazis“. Wisst ihr, ich mache das nicht mit. Ich glaube nicht daran, dass es wirklich zu einem rechtsradikalen Gottesstaat kommt, wenn die Wahl am 06. September gelaufen ist.
Was ist denn mit Sachsen-Anhalt passiert?
„Der gemeine Wessi“ schlendert durch „Dunkeldeutschland“ und sieht die Hach-so-schönen Innenstädte. „Warum seid ihr denn eigentlich alles Nazis?“, fragt er dann einen der Eingeborenen. Ich glaube, ich muss die Geschichte jetzt nicht weiter spinnen. Aber es geht schon irgendwie in diese Richtung. Und ich glaube, in Sachsen-Anhalt ist es ganz besonders schlimm. Und wenn die AFD dort gewinnen sollte, wird es halt noch viel schlimmer.
Wie war denn das in diesem so genannten Damals? Im Süden die vielen Burgen und „hach“. Nördlich davon das Chemiedreieck. Wiederum nördlich davon die Wissenschaft. Und ganz im Norden die Landwirtschaft. Naja, stimmt nicht so ganz. Aber im Prinzip. In der DDR ging quasi nichts ohne Leuna, Schkopau und Bitterfeld. Mein Vater hat mit dem Bau, Umbau und Neubau der Anlagen zu tun gehabt. Und das war dann irgendwie nach der Wende mit den blühenden Landschaften nichts mehr wert.
Die Wissenschaft in Halle, Magdeburg und Wittenberg nahmen sie viele Jahre auch nicht so richtig für voll. Und die Landwirtschaft? Das können sie „im Ausland“ halt billiger. Ach ja, irgendwann hieß es sogar mal, man habe in der Altmark Erdöl gefunden. Wenn da mal nicht einfach nur ein Tank eines Trabbis verrostet war und ausgelaufen war. Ach ja, und der Harz. Doll!
In Sachsen-Anhalt, so meine Wahrnehmung, hat man „zu DDR-Zeiten“ gut verdient und war wer. Heutzutage ist das Bundesland am unteren Ende des deutschen Lohnniveaus zu finden. Alle möglichen politischen Farbenspiele wurden da schon mal durchgeturnt. Und irgendwie fühlen sich die Leute auf der Strecke geblieben. Obwohl sie wissen, was sie können und was das Land zu bieten hat. Stößchen mit Rotkäppchen!
Ich habe selbst einen Haufen Leute in Sachsen-Anhalt. Das sind keine Baseballkeule-schwingenden Hinterwäldler, wie sich viele die Leute dort vorstellen. Aber da ist halt Sven Schulze, dem Intel von der Fahne ging und DOMO gestorben ist. Und da ist ein dauergrinsender Ulrich Siegmund, von dem alle wissen, dass er es ja quasi auch nicht kann. Aber der wäre halt mal was anderes. So gering ist inzwischen der Anspruch. Und das ist das Problem.
Angst vor Enttäuschung
Wir waren Anfang August ein paar Tage im Harz. Wir wohnten in einem Nest zwischen Ilsenburg und Wernigerode. Gerade abseits der Touri-Magnete denkt man sich ja, dass man da der zurückgebliebenen Dumpfbacke begegnet, die am liebsten alle Zuwanderer „abmurksen“ will. Echt: Keine Spur. Die sehen ihre Gegend aber anderweitig vor die Hunde gehen. Und die sehen, was für ein politischer Geisterfahrer der deutsche Bundeskanzler ist, von dem sie vor der Bundestagswahl viel hielten.
Und dann zählen sie 1 und 1 zusammen: Die Union kann es so wenig wie die SPD oder die Grünen. Die Linken haben eh den Postleitzahlenbereich im Osten mental verlassen, und die FDP existiert halt de facto nicht mehr. Die einzigen, die es noch nicht versauen konnten, sind die Blauen. Und die Leute denken sich: Ich will doch nur, dass der Bus auch noch abends raus auf mein Nest fährt. Ich habe echt niemanden mitbekommen, der schwachsinnige Parolen gebrüllt hat.
Die haben dort aber auch Schiss, dass nach der Enttäuschung der Wende und der Enttäuschung der Globalisierung und der Enttäuschung von Friedrich Merz nun die nächste Enttäuschung durch Ulrich Siegmund droht. Dort, wo wir waren, haben sie echt Muffensausen, dass Sachsen-Anhalt noch weiter runtergewirtschaftet wird. Die wollen mal wieder realistische Politik sehen und weniger Luftschlösser „von dieser schwarz-roten Sekte in Berlin“.
Es ist irgendwie sehr seltsam, was in Sachsen-Anhalt abgeht. Wie durcheinander dort alle sind, sieht man ja auch an den Prognosen zur Landtagswahl. Da gibt es immer wieder wüste Ausschläge in alle möglichen Richtungen für alle möglichen Parteien. Ich glaube ja, dass da noch lange nicht alles entschieden ist. Wer weiß, vielleicht rutschen da ankreuzende Stifthalter-Hände am Wahltag doch noch von AFD woanders hin. Ich denke, da ist noch alles möglich.
Ist denn das Land verloren?
Ich denke ja, dass es im Osten immer schon ganz beschissen angekommen ist, wenn irgendein dahergelaufener „Wessi“ mit großer Schnauze erzählt hat, hier wären sie alle faul und ein bisschen bescheuert. Genau so kommt halt Geisterfahrer Merz im Osten an. Da Sachsen-Anhalt mitten in Deutschland liegt und irgendwie mehrteilig ist, fühlen sich die Leute in dem Bundesland vermutlich erst recht ein bisschen verscheißert. Und wer weiß, vielleicht wollen sie das dann eben auch zeigen.
Ja, ich kenne die Videos von Ausrastern gegenüber Felix Banaszak, von Angriffen auf Wahlkreisbüros, von Hasstiraden auf sonstwas. Ich habe ja auch die 4, 5 armen Seelen auf einer Autobahnbrücke mit der Flagge des Deutschen Reiches gesehen. Aber ich bin halt auch davon überzeugt, dass das nur ein kleiner Teil der Menschen dort sind. Die meisten sind halt erbost über das, was in der Berliner Blase so abgeht.
Ach, und die wissen ganz genau: Kurz vor der Landtagswahl guckt die Berliner Blase und die versammelte Presse ins beschauliche Sachsen-Anhalt, da kann man mal einen Lauten machen. Die restlichen 4,5 Jahre bis zur nächsten Wahl interessiert sich wieder niemand für das Land und die Leute. Vielleicht will man ja auch mit Antworten auf die Sonntagsfrage provozieren und zuckt dann am Wahltag tatsächlich zurück. Wäre doch alles denkbar, oder?
Nein, Sachsen-Anhalt ist nicht verloren. Siegmund, Tillschneider und all diese windigen Leute in der AFD können zwar alles mögliche behaupten und ankündigen. Halten werden sie davon kaum etwas. Das könnte manchem in dem Land noch bis zum Wahltag klar werden. Wurde es doch auch schon, wenn man sich so umguckt. Und ein paar Wochen nach dem 6. September wird niemand mehr von Sachsen-Anhalt Notiz nehmen. Damit fuhr die Berliner Blase bisher immer am besten, oder?






Ich habe mal eine Weile in Potsdam gelebt. Und meine Erfahrung ist, weil ich als Wessi den anderen Menschen dort gegenüber nicht arrogant aufgetreten bin (Warum hätte ich das auch sollen?), gab es null Probleme miteinander. Ich kenne immer noch sehr liebe Menschen, die zum Beispiel in Sachsen leben und die so ziemlich zwischen den Dorfnazis und den oberschlauen Sprüchen aus dem Westen eingeklemmt sind. Das ist richtig unbefriedigend und keine Dauerlösung.
Auf jeden Fall kann ich es total nachfühlen, dass nach der ziemlich vergeigten Wiedervereinigung viele Menschen aus dem Osten enttäuscht und frustriert sind. Merz hat ja auch nochmal so richtig alles gegeben, um das letzte bisschen Porzellan zu zerschlagen.
Denjenigen aus Sachsen-Anhalt, die sich nicht vom öligen Siegmund um den Finger wickeln lassen, drücke ich alle Daumen, dass es nicht ganz so bitter kommt, wie die Umfragen es befürchten lassen. Danke für deinen Einblick!
Ja, ganz genau so ist es. Ich bin ja auch so ein Eingeklemmter. Ich WEISS, dass es in Sachsen – also hier – gut ist, dass nur durch Sprücheklopfer ziemlich viel kaputt gegangen ist. Ich sage ja nicht, dass „Eitel Sonnenschein“ ist. Aber so schlecht, wie die Scharlatane das immer weismachen, ist es bei weitem nicht.
Ich drücke auch Sachsen-Anhalt alle Daumen, die ich habe. Denn es wird so kommen: Die Wähler werden durch Siegmund abermals enttäuscht werden.
Ich bin gebürtiger Berliner, der Liebe wegen vor rund 15 Jahren nach Magdeburg gezogen und erwische mich in letzter Zeit immer mal beim Gedanken, doch einfach wieder zurückzuziehen. Geht natürlich nicht, da ich hier mittlerweile ne Familie inklusive Nichten und Neffen habe, die ich definitiv nicht nur noch selten sehen will. Hinzukommt, dass ich scheinbar das bin, was andere als Linksgrünversifft bezeichnen, setze mich also trotz Krankheit offen für bestimmte Projekte ein, organisiere Dinge und leiste das, was ich am besten kann, Grafiken, Websiten etc für all das. Auf der einen Seite fühle mich hier wie nen Alien unter lauter völlig falsch abgebogenen Menschen, inklusive Selfies mit Siegmund in den Messenger Storys von Kollegen, die mich zum kotzen bringen, bin mir aber bewusst, dass die noch nicht die Mehrheit sind und genau die Menschen, die wie ich sind, weiter zu supporten lohnt sich und hält mich weiter hier.
Mein lieber, Typen wie du sind so unsagbar wichtig. Wie der YouTuber „Marcant“ zu sagen pflegt: Stabil!
Danke für deinen Einblick.
Toller Beitrag. Danke Henning. Finde ich gut.
Danke dir, Horst!
Ich denke nicht, auch wenn Herr Merz alles dafür tut… Es würde mich freuen, wenn die CDU dann mit der linken regieren müsste- das wäre ein Spaß.
Ach, ich glaube, die Frau von Angern könnte ganz gut mit dem Herrn Schulze. Vogt und Ramelow können ja auch ganz gut in Thüringen. Und mit viel guten Willen haben auch die Frau Schaper und der Herr Kretschmer in Sachsen ein gute Miteinander hinbekommen. Und wenn es nur darum, die Scharlatane in Schach zu halten.
Ich finde deinen Beitrag gut auf den Punkt gebracht. Ich bin gespant, wie sich mein Bundesland entscheiden wird und welcher Kindergarten dann wieder im Nachgang entstehen wird (also wer sich dann mit wem zusammen tut).
Danke, dass du das so siehst. Wir in Sachsen sind auch nicht unbedingt glücklich über Kretschmer, aber er ist das geringere Übel im Vergleich zu Urban. So muss man das ja wohl auch in Sachsen-Anhalt sehen.