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Gesichtspalme #30 – Grünaus dicke Kinder

This entry is part 29 of 45 in the series Gesichtspalme

Ey yo, Captain Jack! Ich bin der Drill Instructor und weiß alles besser. Ohne One, Two, Three, Four läuft nichts mehr. Merkt euch das. So in etwa könnte man sich das alles vorstellen, was man da jetzt in Medien in und um Leipzig zu lesen bekommt: Die Kinder in Leipzig Grünau sind zu  dick, und deshalb sollen Bewegungsanreize auf dem Schulweg geschaffen werden.

Wer da jetzt nicht an solche Dinge wie Boot Camps und so etwas denkt, dem ist dann wahrscheinlich auch nicht mehr zu helfen. Aber ernsthaft: Wer kommt auf solche Ideen? Na klar, irgendwelche Knallchargen aus der Grünauer Verwaltung oder gar aus dem Rathaus. Jemand, der bei klarem Verstand ist, dürfte da etwas anders denken. Ich will nicht sagen, dass ich dazu gehöre, aber ich habe eine eigene Meinung dazu.

Stellen Sie sich einmal vor, dass in den engen Treppenhäusern der Grünauer Plattenbauten die übergewichtigen Kinder beim Herunterrollen in der Mitte zwischen zwei Etagen stecken bleiben. Stellen Sie sich auch einmal vor, dass beim Namen Grünau immer von Problembezirk mit hoher Arbeitslosigkeit gefaselt wird. Und stellen Sie sich vor, dass diese eh schon übergewichtigen Kinder, wenn sie mal nicht grad in Treppenhäusern feststecken, mit ihren arbeitslosen Eltern vor dem Fernseher ablungern, Fast Food und frisches Frittenfett in sich hineinballern und dämliches Zeug im Fernsehen gucken.

Eine Horror-Vision, stimmt’s? Nein, Grünau ist nicht so. Und die Kinder sind in Grünau nicht übergewichtiger als sonstwo in der Stadt. Ja, der Anteil der „gut bepackten“ Kinder hat zugenommen. Ich würde aber in Frage stellen, dass es immer an der mangelnden Bewegung liegt. Es ist komisches Zeug, was da den Kindern serviert wird. Es sind die fehlenden Freizeit-Möglichkeiten, weil die Stadt an so etwas kein Interesse hat oder die Angebote einfach mal unverschämt teuer sind. Und es liegt auch an den Eltern. Ich nehme mich da nicht aus, wohnt doch meine Tochter in Grünau.

Wie war das, als meine Tochter klein war? Sie hat alles gegessen. Sie hat Möhren und alles mögliche an Gemüse geliebt. Und sie hat dann auch gern Fischstäbchen gegessen, wie es alle Kinder tun. Mit dem Gemüse wurde es mit der Zeit immer weniger, und plötzlich vertrug sie dann, wenn es sie gab, die Fischstäbchen nicht mehr. Man konnte ihr dann immer weniger abwechslungsreiches Essen bieten, weil man wusste, dass das Kind nicht essen wird. Meine Theorie geht ja dahin, dass da viel im Kindergarten mitten in Grünau versaut wurde. Vielleicht war das Gemüse einfach mal noch fast roh, was für Kinder vielleicht unangenehm ist. Vielleicht waren die Fischfilets für die Fischstäbchen mit irgendwas behandelt, was meine Tochter nicht verträgt. Ich denke, gesunde Ernährung hängt auch an der Vielseitigkeit. Wenn einem Kind da Nahrung aber nicht schmackhaft gemacht wird, wird es diese nicht essen. Wir als Eltern haben dafür aber versäumt, gegen die vermutete Fehlentwicklung im Kindergarten entgegenzuwirken.

Es wird ja vermutet, dass sich Kinder zu wenig bewegen. Das mag sein. Ich möchte hier wieder auf meine Tochter verweisen. Die ist den ganzen Tag auf den Beinen, ist oft genug zu Fuß oder per Fahrrad zwischen Schule und Wohnung unterwegs, besucht einige Sport-AGs am Nachmittag, weil sie einfach den Sport liebt. Es ist dann klar, dass irgendwann auch bei einem Duracell-Häschen die Batterie leer ist. Aber so lang Saft da ist, ist sie in Bewegung. So läuft das bei etlichen Kindern in ihrer Klasse. Sie wissen ja, wie Kinder sind. Ich möchte einmal behaupten, dass man Kindern einfach mal nicht vorwerfen kann, sie würden sich zu wenig bewegen. Eltern kann man aber vorwerfen, wenn sie Kinder mit Bewegungsmangel haben, dass sie nichts dagegen tun. Und den Einrichtungen (Schule, Kindergarten etc.) muss man vorwerfen, dass sie wahrscheinlich nicht genug auf diese Kinder eingehen. Ich denke, das ist ihr verdammter Auftrag. Auf die Kinder einzuschimpfen und sie der Häme der Mitschüler dann auszusetzen, bringt die Kinder dann jedenfalls nicht weiter.

Ach ja, und was ist denn mit den ganzen Vereinen, die es in Grünau geben soll? Ja, man hat irgendwie eine Schwimmhalle, ein American Football Feld, eine Turnhalle, jede Menge ausgebaute Wege für Fahrräder und Inline Skates und dergleichen. Aber Sportvereine? Weiß ich nicht. Vielleicht kann hier jemand aufklären. Von einem habe ich mal gehört, der aber keine neuen Mitglieder aufnimmt. Ich finde, ein bisschen wenig für über 40000 Einwohner, laut Wikipedia. Wenn ich da die trostlosen Spielplätze sehe, da will man eigentlich seine Kinder nicht spielen sehen. Aber man hat keine große Alternative.

Es ist ja schön einfach, einfach mal den Kindern zu unterstellen, sie wären unbewegliche, unkontrolliert fressende Monster, die zur Bewegung getrieben werden müssen. Da kann man sich natürlich hinstellen und irgendwie einen Hindernislauf in die Schule androhen und das als tolle Idee verkaufen. Die Mutter wird dann zum Fanblock und der Vater zum Drill Instructor. Irgendwie ist die reine Vorstellung eigenartig. Aber diese Idee zeugt von der Hilflosigkeit, wie man dem Übergewicht bei Minderjährigen Herr wird. Aber ich kann die Leute beruhigen, die sich so etwas einfallen lassen: Mir laufen immer wieder übergewichtige Kinder entgegen, das ist kein Phänomen, worauf Grünau das Exklusivrecht hat. Sie können also ihr seltsames Projekt durchaus ausdehnen und damit den Stadtrat wirklich sinnvolle Überlegungen weiter vertagen lassen.

Auf die Geschichte bin ich durch einen sehr lesenswerten Artikel von André Herrmann im „Weltnest“ gestoßen. Man kann solche Ideen eigentlich nur so kommentieren, wie es André gemacht hat. Stellen Sie sich nur einmal vor, der Schulweg wird zu „Full Metal Jacket“. Wäre dann das Ziel erreicht? Die Kinder wären zwar fit und olympiareif, könnten aber wahrscheinlich nicht mehr bis 10 zählen. Packen wir also mal diesen Blödsinn weg und reden miteinander. Die Kinder wird es freuen.

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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