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Blick über Leipzig - wolter_tom, CC0 via pixabay.de Blick über Leipzig - wolter_tom, CC0 via pixabay.de

Leipzig, wo bleibt denn dein Verkehrskonzept?

Jeden Morgen und jeden Abend Stau auf dem Weg zwischen Wohnung und Arbeit. In den letzten Jahren ist das dämliche Normalität in der Stadt Leipzig geworden. Man wartet eigentlich täglich darauf, dass der Verkehr vollends zusammen bricht. Gerade im Leipziger Norden stelle ich das tagtäglich fest. Und es ist keine Besserung in Sicht. Zu allem Überfluss schießen auch noch bisweilen die Leipziger Verkehrsbetriebe quer und bringen ein Ampelprogramm an den Rand des Wahnsinns. So kann der Verkehr in Leipzig aber nicht mehr lange funktionieren. Hier muss etwas geschehen.

Etwa 100% mehr Zeit für den gleichen Weg

Als ich vor 2 Jahren mit meiner Freundin zusammenzog, hatte ich einen entspannten Arbeitsweg von ca. 20 Minuten. Mittlerweile komme ich kaum unter einer dreiviertel Stunde aus. Innerhalb von 24 Monaten muss ich also 100% mehr Zeit einplanen, nur um auf Arbeit und abends wieder heim zu kommen. Für nicht einmal 9 Kilometer zwischen 45 und 60 Minuten Fahrzeit. Und es wird nicht besser werden, nehme ich an.

Gründe gibt es viele. Seit vielen Monaten baut man an einer Bahnstrecke. Oder sind es mehrere? Das weiß man nicht so genau. Jedenfalls ist da momentan die Berliner Straße hinter dem Hauptbahnhof gesperrt. Denn dort wird seit ich-weiß-nicht-wie-vielen-Monaten eine Brücke saniert. Der Verkehr wird über die Brandenburger Brücke geführt, die schon ohne Umleitungen immer voll ist. Mein Arbeitsweg über die Wittenberger Straße und die Brandenburger Brücke ist also völlig unmöglich, will ich in einer sinnvollen Zeit irgendein Ziel erreichen.

Eine Weile lang ging es noch, die Wittenberger Straße (auf der Karte “von oben”, also von Norden kommend) zu benutzen. Aber inzwischen habe ich lernen müssen, diese Kreuzung zu umfahren. Mittlerweile nutze ich die Rackwitzer Straße (auf der Karte dort, wo “Würth” ist), biege aber eher ab. Das nützt aber inzwischen auch nichts mehr, weil der Stau an eben jener Brandenburger Brücke schon eher anfängt. Der Verkehrsknoten kollabiert. Also muss man anders fahren, nicht wahr?

Nimm doch einen alternativen Weg

In Leipzig hatte man immer den Komfort, Alternativen zu haben. Wenn irgendeine Straße verstopft war, gab es Umgehungsmöglichkeiten. Wenn man also wusste, dass an diesem Knoten oben die Luft dick ist, ist man als Gohliser halt nördlich gefahren. Der Straßenkomplex heißt Max-Liebermann-Straße / Essener Straße. Aber schon kommen wir zum nächsten Problem. Denn diesen entspannten Weg kann man schon länger nicht mehr nutzen. Einerseits, weil eine größere Kreuzung schon lange voll ist. Andererseits aber wegen einer Eisenbahnbrücke, die seit Jahren saniert oder neu gebaut wird.

Man weiß quasi gar nicht, wann die Straße mal offen ist und wann nicht. Westlich der Brücke befindet sich die Bundesstraße 2, die dort Maximilianallee heißt. Und die führt direkt zu dem obigen Verkehrsknoten über die Rackwitzer Straße. Wenn man Pech hat, ist genau hier Schluss, weil man ewig an der Bundesstraße ansteht und noch dazu die Eisenbahnbrücke gesperrt ist. Aber selbst wenn man bis in den nordöstlichen Stadtteil Thekla durch kommt, kann man dann die dortige Wodanstraße nicht benutzen, weil diese ebenfalls gesperrt ist.

Es gäbe noch viele andere Möglichkeiten. Wohngebiete bieten sich vielleicht an, Nebenstraßen und so. Aber letztlich landet man immer wieder in irgendeinem Stau, der irgendwas mit dem obigen Verkehrsknoten zu tun hat. Also fängt man an, sich eine komplett andere Route zu überlegen. Und man schaut, dass man die Autobahn 14 nutzen kann. Auf der letzten Karte ist sie zu sehen.

Toller Plan: Ein paar Meter Autobahn

Der Stadtteil Gohlis, in dem ich wohne, ist über zwei Autobahn-Anschlussstellen erreichbar, beide von der Autobahn 14 aus: Leipzig-Nord und Leipzig-Mitte. Dazu kurve ich in den Gohliser Norden und habe wieder mit der Max-Liebermann-Straße zu tun. Ich habe mich für Leipzig-Mitte entschieden und fuhr die vorhin genannte Maximilianallee aus der Stadt raus zur Autobahn. Um auf Arbeit zu kommen, muss ich dann Leipzig-Nordost abfahren. Wer die Autobahn kennt, weiß, dass da nur das Messegelände dazwischen ist.

Damit umfahre ich zwar das Verkehrschaos rund um Brandenburger Brücke / Rackwitzer Straße / Wittenberger Straße, aber der Weg ist so unvernünftig viel weiter, dass ich zeitlich nichts gut mache. Zumal ich dann auch wieder direkt nach der Autobahnabfahrt Leipzig-Nordost im Verkehrschaos lande. Eine Zeitersparnis konnte ich damit also nicht feststellen. Und ökonomisch und ökologisch ist ein derartiger Umweg ebenso wenig sinnvoll. Der Weg ist doppelt so weit und dauert genau so lang wie quer durch den Stau.

Nimm doch Bus und Bahn!

Das ist eine ganz großartige Idee für Gohliser, die im Leipziger Nordosten arbeiten. Wer die Ironie erkennt, darf sie sich gern ausschneiden. Um schon mal halbwegs in die Richtung von meiner Arbeit zu gelangen, könnte ich den Bus nehmen. Das Problem ist: Der muss ja auch durch den Stau durch. Ohne Stau würde der so lang brauchen wie ich mit Auto und mit Stau. Der kreuzt mehrere Straßenbahn-Trassen. Und die Straßenbahnen haben in Leipzig Vorfahrt. Somit behindern sich beide Verkehrsmittel gegenseitig. Großartige Planung, ehrlich.

Und die Straßenbahn, die ich dann nutzen müsste, um endgültig auf Arbeit zu gelangen, kommt – soweit ich weiß – derzeit auch, wie sie will. Grund ist, dass östlich der Innenstadt eine Großbaustelle aufgerissen wurde und die Straßenbahnen da nur mit Verspätung durchkommen. Am Ende haben wir die Erkenntnis, dass Bus und Bahn nicht dafür taugen, dass ich besser auf Arbeit komme als mit dem Auto. Zumal die Preise für diese Verkehrsmittel in meinen Augen in keinem Verhältnis stehen.

Wozu haben wir die S-Bahn?

Genau, noch so eine großartige Idee. Fahren wir doch einfach S-Bahn. Wozu gibt es den City-Tunnel? Ich kann ja bis zum Hauptbahnhof fahren und dann in die S-Bahn Richtung Torgau fahren. Wahrscheinlich wäre ich aber aufgrund der Taktung noch länger unterwegs als mit Bus und Bahn. Der Vorschlag taugt also so gar nichts. Die S-Bahn und der City-Tunnel sind ein Segen für Leipzig. Aber mir hilft das nicht weiter, wenn ich vom Nordwesten in den Nordosten von Leipzig muss.

Leipzig, welches Konzept hast du?

Ich denke mir manchmal, dass da in Leipzig mit der Verkehrsplanung einiges schief gegangen sein muss. Es hilft ja nichts, wenn man den Verkehr kanalisiert und sämtliche Ausweichmöglichkeiten abschneidet oder unpassierbar macht. Was da oben am Verkehrsknoten passiert ist, ist genau das, was ich meine. Man hat nun einmal in Leipzig nicht unbegrenzt Platz. Und mit dem schwindenden Platz fehlen auch die Möglichkeiten. Aber nur weil es für die Straßenbahn gut ist, sternförmig Richtung Innenstadt zu verlaufen, muss das für den Individualverkehr nicht genau so gut sein.

Wenn man sich denn irgendein Konzept überlegt hätte, wäre es vielleicht nicht ganz so schlimm. Aber einfach mal eine gigantische Straße vom Norden direkt an einen neuralgischen Punkt anzuflanschen, ist kein Konzept. Also: Gibt es ein Konzept für den Verkehr in Leipzig? Wollte man nicht schon länger mal den drohenden Verkehrsinfarkt bekämpfen? Viel ist nicht daraus geworden. Stattdessen denkt man sich, dass man den Öffentlichen Nahverkehr beschleunigt, indem man da eine generelle Vorfahrt einräumt. Aber irgendwann hatte man schon mal daran gedacht, dass das nicht generell die beste Idee ist.

Es hilft jedenfalls nicht weiter, der Straßenbahn Vorfahrt einzuräumen oder noch eine große Piste bis zu einem neuralgischen Punkt zu fräsen. Es würde vielleicht helfen, wenn irgendwer im Stadtrat eine Idee hätte, wie man den Verkehr wieder flüssiger macht. Irgendein Konzept muss doch da sein. Die Verkehrsplaner wollen uns doch nicht ernsthaft erzählen, dass da nichts in irgendeiner Schublade liegt. Oder doch?

Aufs falsche Pferd?

Es besteht ja die theoretische Möglichkeit, dass man in Leipzig bei den derzeitigen Diskussionen auf das falsche Pferd setzt. Wer meinen Blog kennt, wird sicherlich wissen, dass ich es im Sinne der Umwelt und der Nachhaltigkeit gut finden würde, wenn man Fahrradwege und Öffentlichen Nahverkehr ausbaut. Aber man hat Leipzig ja jahrelang versucht attraktiv zu machen, indem die Stadt über einen geschlossenen Autobahnring und gut ausgebaute Zubringerstraßen verfügt. Will man nun attraktiv bleiben, darf man den Individualverkehr nicht unterschätzen und vergessen.

Aber genau das diskutiert man. Es gibt diverse Ansätze, das Verkehrsproblem in Leipzig zu lösen. In keinem spielt es eine Rolle, den Individualverkehr sinnvoll zu leiten. Es ist quasi stets die Rede davon, dass entweder Megastaus in Leipzig drohen, oder man sich eben in die Straßenbahn setzt. Aber ich sage es gern noch einmal: Eine sternförmig angeordnete Straßenbahn, die man mit einem Bus erreichen muss, der im Stau steht, ist gänzlich unattraktiv. Insofern ist das in meinen Augen zu kurz gedacht. Aber wahrscheinlich wird irgendwas halbgares zusammen gemauschelt, so wie man es immer macht.

Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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