Warum ist der Begriff „Heimat“ negativ belastet?

Der Begriff „Heimat“ ist schwer negativ belastet. Aber komischerweise nur in Deutschland. Und mir kann niemand erklären, warum um Himmels Willen das so ist. Ich hatte den Begriff schon einmal diskutiert. Leider wurde mir zu dem Zeitpunkt dann auch bloß nicht erklärt, wieso man in Deutschland keine Heimat haben darf. Und ich werde Ihnen auch erklären, wieso ich das Thema wieder aufgreifen möchte. Eine sächsische News-Seite kommt mit dem Begriff der „Heimattümelei“ um die Ecke. Da schnappt mir das Messer in der Tasche auf, und deshalb muss ich etwas dazu schreiben.

Heimat: Bin ich hier richtig?

Der Begriff „Heimat“ ist uralt. Das „hämatli“ war ursprünglich ein Wohnrecht mit Schlafstelle im Haus. Wo sich jemand bettet, ist man zuhause. Vor 140 Jahren wurde „Heimat“ dann von den Brüdern Grimm so definiert, dass es das Land oder die Gegend ist, in der jemand geboren ist. Das Gleiche gilt auch für den Geburtsort oder den ständigen Wohnort. Der Begriff „Heimat“ bedeutete eben auch, dass man zumindest einen notdürftigen Anspruch auf Versorgung hatte. Es ist also etwas zutiefst in den Menschen verwurzeltes.

Am Ende des 2. Weltkriegs kam es zu ethnischen Säuberungen, als die Sudetendeutschen vertrieben wurden. Nur schwer wurden sie in Deutschland, das sie nicht kannten, heimisch. Sie waren lange Zeit nicht erwünscht. Das weiß ich aus Erzählungen aus meiner Familie. Es hat seine Zeit gebraucht, bis man heimisch wurde. Wie Pflanzen ihre Zeit brauchen, bis sie in neuem Boden anwurzeln, so ist das auch bei Menschen, die vertrieben wurden und eine neue Heimat brauchen. Brauchen, weil Heimat fest im Gehirn des Menschen präsent ist.

Nicht selten fragen Menschen: „Bin ich hier richtig?“ oder derartiges. Heimat ist eben auch etwas, worauf man sich berufen kann. Das hat nicht unbedingt immer etwas damit zu tun, dass man unter sich sein will. Wobei: Das ist eben auch so etwas wie ein menschlicher Instinkt. Wie dem auch sei, wenn man sich fragt, ob man hier und jetzt am richtigen Platz ist, ist „Ja“ die Antwort, wenn man sich an dem Platz wohl und verstanden fühlt und sozial integriert ist. Insofern ist „Heimat“ doch etwas gutes, oder? Wer sozial entwurzelt ist, der ist heimatlos. Und das wünscht man niemandem.

Heimat ist nichts völkisches!

Au weia! Laut der „Grünen Jugend“ begann im frühen 20. Jahrhundert – also vor etwa hundert Jahren – „die Verschmelzung des Heimatbegriffs mit völkischem und nationalistischem Gedankengut“. Wer nun also „Heimat“ sagt, ist laut Anna-Maria Lanzinger ein Nazi. Der verlinkte Artikel tut schon fast weh. Warum um Himmels Willen sollte der Begriff „Heimat“ „klar nationalsozialistisch und antidemokratisch geprägt“ sein? Mir will das nicht in den Kopf. Erklären Sie es mir. Warum darf ich keine Heimat haben? Ich habe gerade lang und breit erörtert, warum Heimat so wichtig ist.

Und nebenbei: Das Adjektiv „völkisch“ hat – wie das Substantiv „Heimat“ übrigens – eine lange Geschichte. Oben habe ich ausführlich über die Heimat philosophiert. Und ich bleibe dabei, dass jeder eine haben sollte. „Heimat“ ist also etwas überaus positives, oder? „Völkisch“ wiederum ist die Beschreibung der Bevölkerungsmehrheit im Unterschied zur herrschenden Klasse. Wir erinnern uns alle an „Wir sind das Volk“. War das per se schlecht?

Aber wenn man dann so weiter liest, dann wirkt es fast so, als sei die Heimat etwas ekliges: Die übers Wochenende weggefaulte Büro-Banane, eine laufende Triefnase, Hundekacke am Schuh. Irgendwas in der Art. Man geht gern her und philosophiert darüber, dass „Heimat“ etwas für völkische Nazis ist. Oder irgendwas in der Art. Dabei ist Heimat nichts anderes als das, womit man verwurzelt ist, womit man sich verbunden fühlt. Das muss nicht der alte Lindenbaum im Garten sein. Es kann auch der Lebenspartner sein, mit dem es egal ist, wo man lebt.

Ich lasse mir die Heimat nicht vermiesen

Wer sagt denn, dass man in irgendeiner Weise ein schlechter Mensch ist, nur weil man sagt, dass der Begriff „Heimat“ nicht negativ belastet sein muss? „Home is where the heart is“ sagt man im Englischen. „Zuhause ist dort, wo das Herz ist“ heißt das wohl im Deutschen. Muss man sich das vermiesen lassen? Und Sie werden lachen, die Heimat kann auch „globalisiert“ werden. Im so genannten „globalen Dorf“ ist jeder überall zuhause. Und das nennt man dann „Heimat 2.0“. Das kann ja gar nicht negativ sein. Oder etwa doch?

Im Grundgesetz steht, dass niemand „wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen“ benachteiligt oder bevorzugt werden darf. Das akzeptieren wir. Warum sollten wir uns das vermiesen lassen? Ich verstehe das nicht. Wir sollten den politischen Rechten den Begriff nicht überlassen. Und wir sollten ihn auch nicht von anderen kaputt machen lassen. Denn damit reißen wir uns die Wurzeln raus. Egal, wo diese drin stecken.

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