Wokeness als Lebensaufgabe? - Bild von Gundula Vogel auf Pixabay

Wokeness als Lebensaufgabe? - Bild von Gundula Vogel auf Pixabay

Wokeness als Lebensaufgabe?

Leute, ich kann euch ja gar nicht mehr allein lassen. Kaum macht man mal Pause, fällt Winnetou der allgemeinen Wokeness zum Opfer. Aber das reicht alles nicht. Wie groß ist eigentlich das diesjährige Sommerloch, dass von einer halbseidenen Malle-Stilblüte der Bogen über „Cancel Culture“ bis hin zu Karl May gespannt wird? Und da haben wir noch nicht mal zu Ende gegendert. Meine Fresse, du traust dich ja förmlich überhaupt nichts mehr, weil du Sorge hast, in irgendeine verbale Tretmine zu treten. Dabei ist das doch der völlig falsche Weg.

Wokeness: Ihr Völker, erwachet!

Ich war eine Woche im Spreewald, ein bisschen Quality Time mit meiner Frau mit Fischbrötchen, Kahnfahren, die Sonne auf den Balg brennen lassen. Das Internet hatte mich mal so gar nicht oder kaum interessiert. Und dann bekommst du nebenbei mit, dass irgendwer über Winnetou schimpft. Es geht um irgendein Buch, um die alten Filme mit Pierre Brice und um die verqueren Ansichten von Karl May, was Ethnien betrifft.

Eben jener Karl May kam aus jämmerlichen Verhältnissen, wie man so liest. Und der hatte sich eine Traumwelt zusammen gesponnen. Er war Old Shatterhand, der kühne Held und Blutsbruder von Winnetou. Er erklärte sich die Welt auf seine Art und Weise. Da war der „rote Mann“, der den Kampf des Verzweifelten kämpfte und zwangsläufig unterliegen musste. Aber was hat das jetzt mit Wokeness zu tun? Richtig: Gar nichts. Aber es passt halt gut in die heutige Zeit.

Das, was man in letzter Zeit so als Wokeness vorgesetzt bekommt, war früher der wachsame Nachbar. Es geht um eine Haltung der Wachheit und um Wachsamkeit. Es ist Antisemitismus, Rassismus, Umweltzerstörung, Sexismus, Gewalt und alles mögliche, was bekämpft werden muss. Hinter jeder Ecke lauert die potentielle Gefahr. Und da beginnt es, anstrengend zu werden. Man achtet enorm darauf, dass es jedem recht gemacht wird. Aber wer das nicht will, wird hart bekämpft.

Ich habe es wegen meiner Quality Time nur am Rande mitbekommen: Es gibt wohl ein Buch, das „Der junge Häuptling Winnetou“ heißt. Ach, und die Suchmaschine wirft mit einem Film um sich. Daran entzünden sich die Gemüter. Da irgendwer behauptet, dass damit der Umgang mit indigenen Menschen verharmlost wird, schlug die Wokeness zu. Nun wurde das Kinderbuch vom Markt genommen. Man kann ja nicht in den Tag hinein schlafen, wenn in so einem Buch Unrecht positiv besetzt ist. Oder so.

Cancel Everything

Ich weiß, dass das vielen nicht passt. Aber ich halte diese ganze Cancelei der ganzen Menschen, die die Wokeness für sich entdeckt haben, für gefährlich. Es werden weltweit Künstler angeprangert und Gefahren ausgesetzt, weil manchen ihre Wortwahl nicht passt. Irgendwer fühlt sich immer bei irgendwas unwohl. Eine Band namens Lauwarm muss ihr Konzert abbrechen, weil sich irgendwer unwohl fühlt, wenn man Europäer mit Rastas sieht. Echt jetzt? Cancel Culture und so?

Machen wir doch gleich weiter. Indianer mit ausgeprägtem Bayrisch, nicht erst seit dem „Schuh des Manitu“. Der Junge beim Fasching als Ninja. Japaner, die sich beim Bayern-Urlaub Dirndl kaufen UND ANZIEHEN! Ich habe neulich gelesen, dass man Wokeness gleich mal gleichsetzt mit dem Unwohlsein wegen kultureller Aneignung. Keine Ahnung, ob das stimmt. Mir ist das auch herzlich egal. Aber canceln wird doch gleich mal alles. Damit sind dann hoffentlich alle zufrieden.

Denn sonst fühlt sich wieder irgendwer ausgeschlossen, benachteiligt, verletzt und damit unwohl. Machen wir am besten alles gleich, sodass es gar keine Reibungspunkte mehr gibt. Ist das in etwa das, was man sich so vorstellt? Jeder, der mich persönlich kennt, weiß, dass ich ein umgänglicher Mensch bin, der niemanden ausgrenzen will und mit allen irgendwie klarkommen will. Aber echt, wenn so gar keine Reibung mehr da ist, wäre mir das entschieden zu langweilig.

All reduced to Isotype

Wenn sich nun jemand unwohl ob irgendeiner Situation fühlt, muss dieser Zacken abgeschliffen werden. Es könnte sich ja auch jemand an einem blauen Klecks stören, der anders blau ist als andere blaue Kleckse. Es ist allen geholfen, wenn wir ein einheitliches Blau haben. Wer braucht schon Meeresblau, Himmelblau, Kornblumenblau? Blau ist blau. Genau das ist dann ein Isotyp. Davon sangen 2017 auch meine Helden OMD und besprachen damit die Gefahr der Gleichmacherei.

Wir sind alles unterschiedliche Menschen. Wir haben unterschiedliche Biografien, Auffassungen, Sozialisierungen, Meinungen und, und, und. Es muss doch möglich sein, dass man sich aneinander reibt, ohne dass gleich Häme über das Gegenüber gekübelt wird, ohne dass ein Shitstorm kommt, ohne dass man sich körperlich oder verbal oder sonstwie wehren muss. Denn Reibung erzeugt Energie. Die kann auch für etwas gutes verwendet werden.

Nur durch Reibung – sprich: Diskussion – kommt ja eine Gesellschaft voran. Alles andere führt nur zu einer einheitlichen, uninteressanten einheitsblauen Matschepampe, die keiner will. Lest euch mal den Text zu „Isotype“ durch. Kleiner Tipp: Die deutsche Übersetzung ist dort verlinkt. Wir wollen doch entdecken, erforschen, neues machen. Dazu brauchen wir doch Dinge, an denen wir uns reiben können. Wenn wir alles canceln, was uns nicht passt, bringt das nichts. Das dürfen auch gern die Verfechter der Wokeness erkennen.

Nicht falsch verstehen…

Mir ist keineswegs daran gelegen, dass wir kleinreden sollen, wenn sich jemand unwohl fühlt. Dann wäre ich ja in der gleichen Arschloch-Fraktion wie so viele andere. Ich finde es halt nicht gut, dass hinter so manchem Vorhang ein wachsamer Nachbar mit all seiner Wokeness steht und genau darüber Buch führt, wann jemand zu laut auf der Straße lacht. Durch diese Leute kommt es nämlich dazu, dass alles mögliche gecancelt wird und die Gleichmacherei um sich greift.

Natürlich müssen Missstände benannt werden, Gewalt muss verfolgt werden, Sexismus, Ausgrenzung, Hass und Hetze, Verbrechen an der Umwelt müssen bekämpft werden und all das. Aber dann nicht durch ein latentes Unwohlsein, mit dem dann alles, was gefühlt der Auslöser sein könnte, abgefeilt wird. Eine Gesellschaft kann nur wachsen, wenn es auch Unterschiede gibt. Diese fördern dann eben auch Widerstandskraft. Und die macht uns doch stärker, oder?

Und nebenbei: Karl May war eben nur ein Träumer. Er hat keine Dokumentationen geschrieben, sondern Abenteuergeschichten. Jeder Junge wollte so sein wie Winnetou. Uns war doch völlig egal, wie richtig diese Geschichten waren. Aber so einen coolen, verschmitzten Blick wie der Apachen-Häuptling oder Old Shatterhand, den wollten wir alle als Achtjährige haben. Ist das dann kulturelle Aneignung, die gecancelt gehört? Warum?

3 Kommentare zu „Wokeness als Lebensaufgabe?“

  1. Ja, das sehe ich so ähnlich wie du. Ich kann die Aufregung um Karl May und Winnetou auch nicht ganz. Das sind nur Geschichten. Und natürlich wurden sehr viele Ureinwohner in Amerika ermordet. Das muss man selbstverständlich auch erzählen, aber jetzt Karl May zu verteufeln geht mir ebenfalls ein bisschen zu weit. Ich bin natürlich gegen Rassismus. Das ist klar. Aber wir übertreiben es zu schnell.

    Lorenzo

  2. Die spinnen alle – echt jetzt…
    für mich ist das „Behavioring“ (nicht zu verwechseln mit „Behaviorismus“) oder „white socksing“ – ich habe mir mal cool klingende englische Namen ausgedacht – das macht man ja heute so, wenn man der Meinung ist, dass andere Menschen sich ganz fürchterlich Böse anstellen und Dinge tun, die man nicht tut, weil man damit die Gefühle eines anderen Lebewesens verletzt.
    „Behavioring“ ist es andere Menschen zu Dingen zu nötigen, die weder nötig noch wichtig sind und von denen der Nötiger auch aufgrund seines Intellekts oder Gesellschaftsstatus auch keine Ahnung hat.
    Wieso sonst fachsimpeln weiße Kartoffeln aus der Upper Class über Rassismus? Ein Freund von mir bringt es auf den Punkt: GENAU DAS IST RASSISMUS! Unter dem Deckmäntelchen des Gutmenschen ist man der Meinung eine Minderheit beschützen zu wollen. Damit wertet man sie aber defacto ab und stellt sich gesellschaftlich über sie.
    „White Socksing“ ist quasi abgeleitet von der frevelhaften Tat weiße Socken in Sandalen zu tragen. Ein Haute Couture Straftat allererster Kanone! Sagen jedenfalls die Mode-„Experten“. Aber eigentlich ist es genau das, was sich bei Black-Facing, Cultural Appropiation, und einem unrasiertem Damenbart wiederholt: es juckt nur einige Spinner in ihren Twitter-Blasen, wo genau so bekloppte Jubelperser sich gegenseitig heiss machen und am liebsten alle anderen zwingen möchten genauso verwirrte Gedankenzüge anzunehmen, wie die selber.
    Das beste ist ja, dass sich die Spinner selbst nicht einig sind – sehen wir ja beim Gendersternchen. Anstatt einfach das Sternchen zu nehmen, hat natürlich jeder wieder eine andere krude Idee (ist klar, geht ja auch um Kohle) und dann will der eine nicht das Sternchen, sondern das Gender-Gap (_) oder, oder, oder.. siehe hier: https://www.genderleicht.de/genderzeichen/
    Da kann man mal in die Küche gehen und sich eine Packung Popcorn machen – es wird spannend.
    Und ich persönlich nehme immer weniger Menschen für voll. Eigentlich kenne ich nur eine handvoll Menschen, bei denen ich der Meinung bin, dass die keine Vollmeise (wie gendert man Meise richtig – ich möchte hier ja keine unschuldigen Tiere m/w/d beleidigen) haben..
    Bleib gesund..
    CU
    P.

    1. Ich habe mich dank deines Kommentars fantastisch unterhalten gefühlt. Was du da alles aufzählst, passt wunderbar in die ganzen Bubbles und Timelines.

      Ich freue mich ja immer, wenn es diese wilden Tweet Thread Storms gibt, bei denen man sich zwar einig ist, bei denen aber die Nuancen das Blut zum Kochen bringen.

      Ich denke mir da immer, dass die sich irgendeinen Job suchen sollten. Denn offenbar sind sie nicht ausgelastet.

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