20 Jahre „Prostitute“ von Alphaville

Nach den drei großen Alben der 80er Jahre von Alphaville, nämlich „Forever Young“, „Afternoons in Utopia“ und „The Breathtaking Blue“ war es geschlagene 5 Jahre ruhig um die extravaganten deutschen Musiker um Marian Gold / Hartwig Schierbaum. Es gab Video-Zusammenstellungen, es gab ein Best-Of, aber neue Sachen ließen auf sich warten. Und dann kam im Sommer 1994 das Album „Prostitute“ mit einer epischen Spieldauer von 70 Minuten daher.

Das Album ist phänomenal. Aber es ist ein wirtschaftlicher Totalschaden gewesen. Im Nachhinein muss man aber wirklich sagen, dass sich Alphaville damit ein Denkmal gesetzt haben. „Forever Young“, „Big in Japan“ und wie sie alle hießen, sind kalter Kaffee im Vergleich zu diesem pompösen Album.

Das Album beginnt mit dem von Ricky Echolette verfassten, schroffen und gewöhnungsbedürftigen „The Paradigm Shift“. Das groovige Stück behandelt den Kampf gegen das Chaos, wenn Schweigen stärker als Geräusche ist. Die einzig wahrgenommene Single des Albums „Fools“ folgt auf dem Fuße, in dem den ganzen Narren der Spiegel vorgehalten wird, wie sie zu idiotischer Musik tanzen, während die Welt einstürzt.

In „Beethoven“ werden die Leute mit den Springerstiefeln besprochen, die ein Zittern durch die Stadt bringen. Das Anti-Nazi-Lied ist ein sehr kraftvoller Protest gegen Antisemitismus in Deutschland. Ebenso kraftvoll geht es mit „Ascension Day“ weiter, eine tiefdüstere Elektro-Hymne mit riesengroßem Musical-Tamtam über den Zerfall der Welt in den Zeiten von Infektionen, Terror und Schmerz. Für mich eins der besten Elektronik-Songs, die jemals geschrieben wurden.

Luftholen können wir dann mit der fantastischen Ballade „The impossible Dream“. Marian Gold singt vom tiefsten Keller bis über die Wolken in mehreren Oktaven über die Erkenntnis, dass Liebe nur stattfinden kann, wenn man sich nicht für den Fremden aus einem unmöglichen Traum hält. Die wirkliche Ballade mit Gitarren-Solo und Saxofon-Solo lässt die Herzen hoch über die Wolken fliegen. Es folgt ein höchst ungewöhnliches Jazz-Stück namens „Parade“ mit häufigen Tempo-Wechseln und Piano-Begleitung.

„Ain’t It Strange“ behandelt dann in entspanntem Soul im Stile der 70er die seltsamen Anwandlungen mancher Menschen im gemeinsamen Leben. Mit „All in the Golden Afternoon“ begeben wir uns dann in die fantastische Geschichte von „Alice im Wunderland“. Hier wurde direkt das Gedicht von Lewis Carroll vertont. Die fantasievolle, balladesque Vertonung macht das Lied rund.

„Oh Patty“ ist eine kleine Ballade über eine verletzliche Frau mit einem übergroßen Herzen und viel Angst. Das Lied geht nahtlos in „Ivory Tower“ über. „Ivory Tower“ ist eine Zusammenfassung der Alphaville-Geschichte im Musical-Stil. Prinzipiell ein desaströses Abschneiden der Band und der Welt.

Sehr wohltuend gestaltet sich der beschwingte Reggae „Faith“, der für mich aus dem Stand heraus eins der besten Alphaville Lieder ist. Der langsame Marsch „Iron John“ erzählt das Märchen vom Eisenhans, der unsagbar viel Gold hat. Dies ist auch wieder so ein beeindruckendes Lied.

Im Stile der 80er-Jahre-Midtempo-Lieder á la Roxy Music kommt „The one Thing“ daher und erzählt von der Qual über Lügen der Angebeteten. Ein perfektes Spätabend-Liedchen. Bei „Some People“ denkt man zuerst an eine Cover-Version des Prince-Hits „When Doves cry“, aber es wird eine tiefdüstere Blues-Nummer über die Facetten von Menschen und deren Abgründe. Eine schroffe, harte Nummer.

Mit „Euphoria“ müssen wir ganz behutsam umgehen. Denn hier hören wir epische 7 Minuten, die es sonst nur einmal in Form von „Lassie come home“ auf „Afternoons in Utopia“ gab. Ein gigantisches, sphärisches Gitarren-Intro bestimmt die ersten Minuten des Werks. Die im Lied erzählte Geschichte handelt von einer versinkenden Stadt, ähnlich der Sage von Atlantis. Das Lied steigert sich in die im Titel genannte Euphorie.

Nach der kolossalen musikalischen Explosion kommt das famose Album mit „Apollo“ zum Ende. Die Uptempo-Soul-Elektronik-Nummer bildet einen sehr beschwingten Abschluss dieser außergewöhnlichen Scheibe. Man sollte aus der Asche aufsteigen. Die Rede ist hier vom berühmten Phönix. Hier haben wir es zum Ende mit einem sehr positiven Bild zu tun.

„Prostitute“ ist um Längen besser, als die Verkaufszahlen vermuten mögen. Es ist eins der Alben, die in den Neunzigern am meisten unterschätzt wurden. Unter dem Motto „Die Menschen verschwenden die Welt“ (Prostitute steht u.a. für verschleudern) könnte man das Ganze als Konzeptalbum betrachten. In musikalischer Hinsicht ist es das wegen der pompösen, orchestralen Ausstattung auf jeden Fall. Das Album war seiner Zeit weit, weit voraus und kann wahrscheinlich immernoch nicht von jedem vollständig aufgenommen werden. Marian Gold und Co. haben damit ein kommerziell wertloses Denkmal geschaffen.

Alphaville sind sowieso als Gesamtkunstwerk zu betrachten. Ich sprach es sicher schon an: Pop haben sie nie gemacht. Und sie würden sich wahrscheinlich auch dagegen verwehren, in die Schublade „Popmusik“ gesteckt zu werden. Dafür ist das Spektrum der Band viel zu groß, wie man bei „Prostitute“ sieht. Und dass sich die Band niemals einfangen lassen wird, zeigen sie auch anhand ihrer imposanten Webseite. Und zu kaufen gibt es dieses Meisterwerk auch noch.

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