Karussell – Ehrlicher Rock aus Leipzig wieder zurück

Alt sind sie geworden, die Rocker der Band Karussell. Und sie haben sich immer wieder neu erfunden. 42 Jahre Bandgeschichte, aber die Band gibt es schon viel länger, nämlich als 1975 verbotene „Klaus Renft Combo“. Sie waren die Band mit den Hits, die keine sein durften. Und jetzt sind sie mit neuem Album wieder zurück. Der teils dreckige Blues, teils kraftvolle Rock war immer sensationell. Und mich hatte die Platte „Schlaraffenberg“ durch die Schulzeit begleitet.

Wer oder was ist Karussell?

1958 gründete der in Jena geborene Klaus Jentzsch die Klaus Renft Combo. Renft deshalb, weil seine Mutter so hieß. Diese Band wurde 1962 verboten, weshalb sich die „Butlers“ gründeten. Die wurde allerdings auch wieder verboten, weshalb es 1965 zur „Leipziger Beatdemo“ kam. Der Beat war in der DDR verboten. 1967 durfte Klaus Renft wieder spielen. Zusammen mit Thomas Burkholz (Schlagzeug), Gerulf Panach und Kurt Demmler (Texte), Peter Kschentz (Gitarre, Geige, Saxofon) und anderen wurde die Klaus Renft Combo neu gegründet.

Es kamen der Keyboarder Michael Heubach, die Sänger Hans-Jürgen Beyer und Peter Gläser und einige andere mehr. Die Band veröffentlichte die einflussreichen Lieder „Wer die Rose ehrt“, „Zwischen Liebe und Zorn“, „Als ich wie ein Vogel war“ oder „Ermutigung“. Immer war die Rede von der Kritik am real existierenden Sozialismus. Das Thema Flucht spielte auch immer eine Rolle, weshalb es zum abermaligen Verbot 1975 kam. Bandmitglieder verließen die DDR oder wurden ausgebürgert, Und dann gründete sich Karussell.

Keyboarder Wolf-Rüdiger Raschke gründete 1976 in Leipzig zusammen mit Peter Gläser, Jochen Hohl (Schlagzeug), Reinhard Huth (Gesang und Gitarre), Lutz Kirsten (Gitarre), Claus Winter (Bass) und Bernd Schumacher (Saxofon, Flöte) die Band. Der Liedermacher Kurt Demmler begleitete die Band textlich. Und es gab eine Neuinterpretation der alten Nummer „Wer die Rose ehrt“. Aus Renft wurde Karussell, der Einfluss blieb durch die gesamte DDR hindurch.

Autostop und Schlaraffenberg

Karussell prägte die Musik durch eine Mischung aus Rock, Blues und Rhythm’n’Blues. Das erste Album unter diesem Bandnamen war „Entweder oder“ aus dem Jahr 1979. Vorher wurde die Band eine Berufsband. Die erste Single „Der Gitarrist“ war ein Achtungserfolg. Aber wirklich bekannt wurden sie dann wohl durch die Mitsing-Nummer „Autostop“.

Ein Jahr darauf folgte die Platte „Das einzige Leben“. Und man hörte die Band mit Liedern wie „Doch wenn die Hähne krähn“. Dann kamen die Friedensbewegung und die Angst vor dem dritten Weltkrieg. Die Platte „Schlaraffenberg“ hatte mit „Keiner will sterben“ das passende Lied darauf. Aber eben auch den echten Blues wie „Mein Bruder Blues“, Mittelalter-Rock mit „Gelber Mond“ und auch das Titelstück als Rocknummer.

Ohne Cäsar: „Café Anonym“

Inzwischen arbeitete die Band mit Gastmusikern wie Bernd Kleinow, und nach „Schlaraffenberg“ verließ Peter Gläser (genannt Cäsar) die Band, um „Cäsars Rockband“ zu gründen. Für ihn sang dann Lutz Salzwedel, der allerdings 1985 flüchtete. „Der Halleysche Komet“ war das einzig nennenswerte aus dieser Zeit. Es folgte mit Dirk Michaelis ein neuer Sänger und das Album „Café Anonym“. Gisela Steineckert schrieb etwa 10 Jahre zuvor den Text zu „Am Fenster“ von City und lieferte nun „Als ich fortging“.

Plötzlich nahm man Karussell wieder als die lyrische Band wahr, die sie eigentlich war. „Als ich fortging“ wurde zum Inbegriff der DDR-Endzeit. Die Ballade wurde in vielen Dokumentationen über die DDR verwendet, und auch in Filmen und Fernsehserien hörte man die leise, zerbrechliche Nummer über Abschied und Trauer. „Als ich fortging“ ist bis heute der größte Hit von Karussell, auch wenn der Komponist Dirk Michaelis danach schon wieder die Band verließ.

Umbau, Neustart, Auflösung – Das Ende von Karussell

Es folgte eine schwierige Zeit. Bassist Claus Winter und Sänger Dirk Michaelis verließen die Band. Es folgte die Platte „Solche wie du“, die allerdings im Getöse der Wende unterging. 1991 löste sich Karussell auf Band-Chef Wolf-Rüdiger Raschke gründete ein Hotel, Drummer Jochen Hohl zog sich zurück, Winters Nachfolger Jan Kirsten schloss sich der Band Takayo an. Zwar versuchte 1994 Raschke zusammen mit Kirsten, dem neuen Sänger Larry B., dem Schlagzeuger der Prinzen und einem Teil von Takayo einen Neustart, aber der wurde von den Fans abgelehnt.

2007 aber kam Gitarrist Reinhard Huth auf die Idee, Karussell neu zu gründen. Gemeinsam mit Wolf-Rüdiger Raschke und (seinem Sohn) Joey Raschke wurde die Band wieder mit Leben gefüllt. Jan Kirsten (Bass), Frank Endrik Moll (Schlagzeug) und Hans Graf (Gitarre) folgten. Ein Jahr drauf kam Benno Jähnert an die Drums. Und seitdem kam es immer wieder zu Konzertreihen. Im Jahr 2011 auch das neue Album „loslassen“.

Erdenwind – Die neue Ära von Karussell

Viel Zeit ist seitdem vergangen. Karussell aber gibt es immernoch. Soweit ich weiß in unveränderter Besetzung. Geblieben ist ehrlicher Rock, und die Band ist nach wie vor in Leipzig beheimatet. Joey Raschke nennt sich nun Joe und gibt den charismatischen Frontmann. Jochen Huth und Wolf-Rüdiger Raschke sehen aus wie gealterte Rocker. Und sie spielen eben nicht mehr die großen Festivals, sondern eher auf Stadt- und Dorffesten. Aber wer weiß, vielleicht wird das mit „Erdenwind“ ja anders?

Das neue Album wurde gestern offiziell vorgestellt, ist aber schon seit Freitag im Handel. Und es hat das Potential, mehr zu sein als nur ein weiterer Comeback-Versuch. Denn Karussell haben es geschafft, ihren typischen Stil des ehrlichen Rocks mit lyrischen Texten und dem Gegenspiel aus tiefer Stimme (früher Peter Gläser, heute Joe Raschke) und hoher Stimme (Reinhard Huth) mit neuen und zeitgemäßen Elementen zu versehen.

Die erste Single heißt „Meine Stadt“. Es ist ein Lied über und für Leipzig. Die melodiöse Nummer gefällt mir richtig gut. Sie passt wunderbar auf das Album „Erdenwind“, was ich auszugsweise hören konnte, und zum Stil der Band. Man kann unterm Strich sagen: Karussell können es schaffen. Der ehrliche Rock aus Leipzig ist endlich wieder zurück. Es hat viel zu lang gedauert, wie mir scheint.

 

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