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Eine Computer-Maus - (C) Fotocitizen CC0 via Pixabay.de Eine Computer-Maus - (C) Fotocitizen CC0 via Pixabay.de

Mausklickdemokraten voraus

Die Mausklickdemokraten beherrschen das Internet. Und schon haben wir eine Empörungswelle, wenn uns das mal in den Kram passt. Super, die Oberempörer. Ich hatte es schon mal mit den Sehern im Internet, die einem alles weis machen wollen. Und am Ende stellt sich dann heraus, dass sie einfach nur die Stimmungskanone gezückt haben, um damit irgendwas herauf zu beschwören. Das sind lupenreine Demokraten. Mausklickdemokraten eben.

Ich habe echt genug erlebt, als dass ich mich über alles mögliche aufrege. In meinem Alter denkt man auch allmählich an das Herz. Zu viel Aufregung kann auch schädlich sein. Deshalb muss ich immer wieder den Kopf schütteln, wie sie sich alle aufregen. Was auch immer passiert und nicht zu ihrem Wohlgefallen geschieht, das wird mit einer gigantischen Empörungswelle belegt. Am besten mit irgendeinem Hashtag bei Twitter, an dem „gate“ dran hängt. Das hatten wir schon bei den Drosselungsplänen der Deutschen Telekom vor langer Zeit, als es dann plötzlich „#Drosselgate“ hieß.

Da twittern irgendwelche Leute mit tausenden von Followern wütend einen daher, wenn es mal nicht nach ihren Plänen geht. Das sind die Leute, die Spiegel Online, Netzpolitik und so etwas konsumieren und von Panel zu Konferenz und all dem hetzen. Für solche Dinge habe ich gar keine Zeit, ich rege mich aber auch nicht über alles auf. Und weil ich nicht für alles Zeit habe, weiß ich eigentlich auch nicht, dass auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs immer ein Gewinnspiel stattfindet. Und weil nicht die Zeit habe, lese ich auch nicht alles in irgendwelchen Foren.

Und ich klicke mir nicht die Demokratie zurecht. Ich glaube, man muss die Demokratie nehmen, wie sie ist. Und man muss dann genau daraus etwas machen. Es hilft ja nichts. Wenn wir die Demokratie nun ganz plötzlich ablehnen würden, wären wir doch nicht besser als die, die allwöchentlich mit irgendwelchen Twitter-Umfragen oder Change-Petitionen bekämpft werden sollen. Die Forenbewohner mit ihren Panels nennen das basisdemokratisch. Aber ich verrate mal was: Mit solchen Dingen erreicht man genau nichts.

Ich weiß, wie das ist, wenn man jemandem mit solchen Petitionen auf change.org kommt, der jeden ersten Montag im Monat in der Leipziger Innenstadt gegen die drohende Überfremdung demonstriert. Diese Leute sind alle nicht dumm, die können lesen. Und so lesen sie sich das durch und lachen einmal kräftig darüber. Am nächsten ersten Montag im Monat stehen sie wieder auf dem Ring mit ihren Transparenten. Am Ende wurde Rechenkapazität, Speicherplatz, Netzwerk-Bandbreite und Zeit verschwendet.

Aber wenn wir alle feste klicken, wird bestimmt alles wieder gut. Ernsthaft? Nichts wird wieder gut. Die Mausklickdemokraten sind doch nicht viel besser als die Transparenthochhalter. Die Meinung des anderen zählt ja nichts, denn sie ist ja bäh. Aber ich habe es schon irgendwann mal erzählt: Unterschiedliche Meinungen muss eine Demokratie aushalten. Und mir ist jemand mit einer total gegensätzlichen Meinung als der meinen viel lieber, wenn sie oder er es unterfüttern kann, als jeder, der einfach nur stumpfsinnig „dagegen“ skandiert. Und wenn wir eine Dagegen-Petition starten, ist das genau so etwas.

Nee, mir ist das Alles viel zu viel mit der netzpolitischen Avantgarde, die jedem die Ahnung absprechen will, der sich nicht mit dem Lötkolben den eigenen Rechner zusammen brutzelt. Es gibt kolossal viel Ahnung draußen in der Welt. Die findet aber meistens nicht auf irgendwelchen Panels statt, wo man sich gegenseitig beweihräuchert und wie im päpstlichen Konklave bei Holunder-Limonade zusammenhockt und vielsagend irgendwas schwafelt. Es gibt eine Wirklichkeit. Und die ist nicht die Schwerkraft, die es braucht, um einen Klick zu verursachen.

Ich habe mich vor langer Zeit mit den Piraten beschäftigt. Und ich hatte auch mal ein paar Fragen an die damals existente Partei. Ich dachte, die sind kurz und knapp zu beantworten. Aber zu jeder Frage erhielt ich zur Antwort: „Haben wir da erörtert: <LINK>“. Und der Link führte zu einem wahren Roman von Blogartikel. Das führt so etwas von jämmerlich an jeglicher Realität vorbei. So, wie auch die Hashtagdemokratie an der Realität vorbeiführt.

Denn die Realität sieht nun einmal so aus, dass der Kühlschrank gefüllt sein muss, das Fernsehprogramm stimmen muss, die Gartenzwerge nach dem Stand der Sonne ausgerichtet sein müssen und einmal im Jahr eine Flugreise drin sein muss. Das netzpolitische Gelaber interessiert doch außerhalb von Panels niemanden. Wenn ich da sehe, dass diverse Politiker mit richtigen Aussagen in der Luft zerrissen werden, weil sie „Internet-Adressen“ statt „IP-v-6-Adressen“ gesagt haben, merke ich doch, dass da irgendwas nicht stimmt.

Es ist nicht jeder Experte. Und viele wissen eben nach wie vor nicht, dass Assembler eine Programmiersprache ist. Mit einem Mausklick darüber entscheiden wollen, wohin sich das Schulsystem entwickelt, weil die bei PEGIDA ja alles ungebildete Idioten sind, führt zu nichts. Nicht jeder will wissen, dass aus seinem Facebook-Eintrag Nullen und Einsen werden. Die kann man dann zwar als Trottel hinstellen. Aber es bringt niemanden weiter. Weiter bringt es die Gesellschaft nur, wenn jeder das tut, was er am besten kann, und andere mitnimmt. Denn jeder hat so seine Qualitäten.

Das wird aber die Mausklickdemokraten nicht interessieren, weil sie hier sehen, dass diese Webseite auf „http“ und nicht „https“ läuft und ich Trottel kein Zertifikat laufen habe. Ich Dämlack aber auch, näch? Gibt es eigentlich schon irgendwo eine Petition gegen http-Webseiten? Wenn wir da alle ganz feste klicken, wird sicherlich alles wieder gut, oder?

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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