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Falsche Medienhäme und das Ende von Tokio Hotel

Man kann von den Medien halten, was man will. Wie auch von der Band Tokio Hotel. Aber manches geht einfach zu weit an der Realität vorbei. Die – darf man die überhaupt noch nennen? – BILD macht mal wieder einen auf Liftboy und befördert die Band Tokio Hotel nach unten, nachdem sie die Jungs erst in den Himmel gehoben hat. Wie seltsam sich also Medien verhalten können, bekommen die ausgewanderten Anhaltiner nun am eigenen Leib zu spüren. Ist das denn gerechtfertigt?

Aus dem deutschen Formatradio sind die Kaulitz-Brüder samt Band schon länger verschwunden. Trotzdem gilt die Band, die ursprünglich aus Magdeburg kam, zu den kommerziell erfolgreichsten Bands der letzten Jahre. Wer kennt nicht die Gröhler „Durch den Monsun“ oder „Schrei“ oder das Werk „Spring nicht“? Also ich meine jetzt die Teenager. Der ganze Erfolg brachte es 2010 mit sich, dass insbesondere die Kaulitz-Brüder mit Stalking zu tun hatten und sich daraufhin nach Los Angeles zurückzogen.

Aber sie waren nie wirklich weg. Ich nehme an, auf VIVA oder MTV laufen nach wie vor ihre Hits rauf und runter. Da mein Interesse für diese Sender recht gering ist, kann ich das aber nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber erfolgreich sind sie nach wie vor. Ich lese etwas von 9 Singles, von denen 8 in den Top 10 landeten und 4 davon gar Nummer-1-Hits wurden. Die 4 Alben der Band landeten entweder auf Platz 1 („Schrei“, Zimmer 483″, „Humanoid“) oder auf Platz 2 („Kings of Suburbia“). Ihre Konzerte sind ausnahmslos ausverkauft. Und das anhaltend und nachhaltig. Wie gesagt: Man kann von der Band halten, was man will, aber erfolgreich sind sie.

Trotzdem kommen deutsche Medien – angeführt von der Springer-Presse mit den großen Buchstaben – auf die Idee und erzählen jedem, der es lesen will, etwas von Pleite, Ladenhüter, Absturz und was weiß ich, was sonst noch. „Das war wohl nix“, heißt es. Die Band wäre vom Topstar zum „Flopstar“ geworden. Schauen Sie mal, wie sich die Medien echauffieren:

Suchergebnisse zu "Tokio Hotel" in den News von Google - Screenshot Henning Uhle
Suchergebnisse zu „Tokio Hotel“ in den News von Google – Screenshot Henning Uhle

Und jetzt gebe ich Ihnen mal zwei Screenshots aus der Wikipedia mit:

Chartsplatzierungen der Alben von Tokio Hotel aus "Wikipedia" - Screenshot Henning Uhle
Chartsplatzierungen der Alben von Tokio Hotel aus „Wikipedia“ – Screenshot Henning Uhle
Chartsplatzierungen der Singles von Tokio Hotel aus "Wikipedia" - Screenshot Henning Uhle
Chartsplatzierungen der Singles von Tokio Hotel aus „Wikipedia“ – Screenshot Henning Uhle

Klar, die nackten Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Mit verkauften CDs wird heute kein Musiker mehr reich. So ist das nun einmal in der Musikwelt der heutigen Zeit. Das betrifft nicht nur die einstigen Teenie-Idole, das betrifft quasi jeden. Auch die Band „Unheilig“ hatte 2010 mit dem Album „Große Freiheit“ noch 10 Mal so viele Alben verkauft wie 2014 mit dem Album „Gipfelstürmer“, und trotzdem landeten beide Alben auf Platz 1 der Album Charts.

Ich führe es noch einmal an und liege da ganz auf der Linie des Musik-Magazins „Tonspion“: Man kann von Tokio Hotel halten, was man will. Dass das aktuelle Album ein Flop ist, stimmt einfach so nicht. Und diese Häme, die gerade über die Band ausgegossen wird, wird der Band nicht gerecht, und das hat sie auch nicht verdient. Man müsste sich eben einfach mal mit dem weltweit zusammengebrochenen Markt für Tonträger beschäftigen, damit man fundiert irgendwas berichten kann.

Aber die deutschen Medien beschimpfen eben lieber irgendwelche bekannten Leute, statt zu recherchieren – wie im Falle Tokio Hotel. Das können sie ja wirklich gut. Springer-Chef Döpfner erzählte einmal dem TagesspiegelWer mit der Bild im Aufzug nach oben fährt, fährt mit ihr auch wieder nach unten. Und genau das will das komische Blatt wohl erreichen.

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

10 Gedanken zu „Falsche Medienhäme und das Ende von Tokio Hotel

  1. Auch das jetzige Album war auf Platz 1. Ehrlich gesagt bin ich kein TH-Fan. Das neue Lied (in Englisch gesungen) war aber gar nichtmal so schlecht (Hör es Dir mal an Henning https://www.youtube.com/watch?v=8HEvF8QLoYY).

    Eine Gruppe/Sänger etc. von vorne herein auf seinen persönlichen Index zu setzen, finde ich quatsch. Wie oft „erwischt“ man sich dabei, wie man Modern Talking, Eine Insel mit zwei Bergen oder sonstigen „Humbug“ pfeifft oder summt?

    So schlecht kann das also alles gar nicht sein ;) Vielleicht nicht seine Lieblingslieder, aber es ist und bleibt Kunst und Geschmackssache. Und darüber läßt sich nunmal nicht streiten…

    1. Armin, ich sage ja gar nicht per se, dass die Musik schlecht ist. Ich setze sie bestimmt nicht auf meinen Index. Ich schreibe ja, dass man selbst von der Band halten kann, was man will. Und dass sie eben doch sehr erfolgreich waren und sind. Das heißt doch unterm Strich, dass das Alles nicht so schlecht sein kann.

      Zur aktuellen Single: Die Band hat sich deutlich weiter entwickelt. Das kommt gut an. Es erinnert nicht mehr viel an die androgynen Emo-Jungs. Vielmehr sind sie jetzt eben erwachsene Männer geworden. Und das kann so schlecht nicht sein. Das Lied klingt auf jeden Fall reifer als manches von vor ein paar Jahren.

      Reicht das? :)

  2. Vielen Dank, für diesen tollen Artikel. Es ist schön, dass es auch möglich ist, zur Abwechslung auch mal etwas zu lesen, das Hand und Fuß hat und das nicht nur aus schlechten Recherchen und Antipathien besteht.
    Es ist erschreckend, was manche so von sich geben. Dazu fällt mir immer wieder der Spruch ein: Es gilt der Prophet im eigenen Lande nichts..
    Ich finde das sehr traurig.

  3. Wie wohltuend, endlich einmal einen Tokio Hotel Artikel lesen zu können, bei dem ersichtlich wird, dass der Autor recherchiert und sich informiert hat. Und das sogar als Nicht-Fan! Ein dickes Danke Schön dafür!

    Ich finde es erschreckend, dass so einfach von einer gefloppten Tour geredet und geschrieben werden kann, obwohl die relativ teuren Tickets für die kleine anstehende Club-Tour gut verkauft wurden und die Konzerte in vielen Städten bereits ausverkauft sind. (Die eigentliche große Tour findet momentan sowieso noch gar nicht statt). Und diese Falschmeldung sich dank ständiger recherchenlose Übernahme von weiteren Medien für die meisten Menschen zu einer Art „Fakt“ verdichtet. Das nennt man dann wohl Rufmord.

  4. Ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Der Artikel ist fair und ohne Vorurteile. Und vor allem ein Riesen Lob, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, tatsächlich Informationen einzuholen. Ansich sollte man im Zeitalter von google & Co meinen, dass das selbstverständlich ist.
    Vorurteile und die vermeintliche Macht der Medien ist beängstigend. Fairness, oft ein Fremdwort. Das kommt leider, insbesonderem bei Tokio Hotel, recht oft vor. Eine Band, die polarisiert, muss wohl damit leben. Doch die Medien, besonders BILD, ist nun zu weit gegangen und andere kupfern, oder besser, kopieren.
    Ach, man nennt das „Qualitatsjounalismus“ ? kann man das studieren ;)

    Also, wie gesagt, eine großes Dankeschön, dass es bei ihnen anders aussieht :)

  5. VIELEN DANK FÜR IHRE MÜHE, ICH BIN SO FROH DAS ES IN DEN MEDIEN MENSCHEN GIBT ,DIE RECHERSCHIEREN FÜR WICHTIG HALTEN, NICHT NUR ABSCHREIBEN UND MIT FREUDE SCHLECHTE NACHRICHTEN VERBREITEN,
    DIESER BAND WIRD ABSOLUT UNRECHT GETAN, SIE STARTEN GERADE WELTWEIT ,NEU UND ANDERS, UND SIND SEHR FLEIßIG ,HABEN NACH WIE VOR TOLLE ERFOLGE ,AUCH IN AMERIKA….., WAS HIER PASSIERT IST FÜR MICH TYPISCH BILDZEITUNG UND DIE KOMMENTARE DIE TYPISCHEN LESER DAZU, NUR NIEMANDEM ETWAS GÖNNEN UND NICHT WISSEN UM WAS ES HIER ÜBERHAUPT GEHT, SCHLIMM…,
    VIELEN DANK FÜR IHREN ARTIKEL…
    KATRIN

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