Leipziger Wandel: Es sind nicht die Flüchtlinge

Wo man in der Messestadt geht und steht, jeder bemerkt den Leipziger Wandel. Ob das wirklich jedem gefällt, wage ich zu bezweifeln. Das hat seinen Grund. Ja, ich weiß: Es gibt jetzt viele, viele Menschen, die nun denken, dass der Leipziger Wandel durch die „Flüchtlingsflut“ verursacht wurde. Aber ganz ehrlich: Das ist es nicht. Das schreibe ich mal auf.

Was meine ich mit Leipziger Wandel?

Ich schrieb vor längerer Zeit schon einmal davon. Vor drei Jahren schon schrieb ich davon, dass sich die charakteristische Skyline von Leipzig ändern wird. Und wenn wir ehrlich sind, dann geht das unvermindert so weiter. Leipziger Wandel bedeutet für mich, dass das, was als „Leipziger DNA“ bezeichnet wird, verloren gehen kann. Ja, die Stadt ist modern und hip. Aber eben auch völlig anders.

Einer der Gründe liegt in einem großen Immobilien-Entwickler, der einem Leipziger Fußballverein ein Stadion bauen will. Außer dass dort in der Gegend jede Menge Bautätigkeit zu bemerken ist, ist mit dem Stadion nicht viel passiert. Aber im Fokus steht halt nicht ein neues Stadion, sondern ein renovierter Postbahnhof mit Büroflächen. Aber das ist halt nicht alles.

Es herrscht viel Bautätigkeit. Das treibt die Mieten nach oben. Und in Leipzig gibt es immer mehr Menschen, die sich ernsthaft fragen, wo sie künftig wohnen werden, wenn dieser rasante Leipziger Wandel so weitergeht. Der Vorwurf, der da allenthalben zu hören ist, lautet: Für sozialen Wohnungsbau gibt es in der Stadtverwaltung und bei Immobilienunternehmen viel zu wenig Interesse.

Blick durch Deutschland

Es ist eigentlich überall in Deutschland irgendwie ähnlich. Landesweit explodieren die Mieten. Wer kann, bleibt in seiner Wohnung hocken, so lang sich keine „Anpassung“ andeutet. Das sind ganz konkrete Zukunftsängste. Denn es ist nun einmal so, dass der Anteil der Wohnungskosten am Haushaltseinkommen immer stärker steigt. Das haben keine Flüchtlinge verursacht. Aber die sollen der Grund sein, wieso es uns „so schlecht“ geht.

Also wenn man die Politik nach der Wahl in Bayern sich so anhört. Dabei sind es konkrete Ängste wie Wohnungsnot. Es sind Themen wie Kinderbetreuung, Schulausbildung, Umwelt, Altersvorsorge. Dazu hat man von keiner Regierung in letzter Zeit große Worte gehört. Aber irgendwelche unbedeutenden Flüchtlingszahlen für eine konkrete Bedrohung heranziehen zu wollen, das konnte die bayrische Politik.

Aber wenn man schon Sorge vor Flüchtlingen schürt, dann müssen Medien auch immer gleich mitmachen. Irgendwelche Taten von Geflüchteten (die, die von so vielen „Merkels Freunde“ genannt werden) werden in den Medien immer prominenter dargestellt als die gleichen Taten von deutschen Staatsbürgern. Damit kann man gern – ungeachtet des Fakts, dass jede Tat schlimm ist – von Zukunftsängsten ablenken. Und so geht das auch hier in Leipzig.

Stillstand ist der Tod

Es ist keine Frage, dass sich die Stadt, das Land und die Gesellschaft verändern müssen. Das ist auch gut und richtig so. Aber statt dass Konzepte erarbeitet werden, die die Menschen mitnehmen, hängt man an einer Debatte, die nicht mehr geführt werden müsste, wenn man die rechtlichen Grenzen dieses Landes berücksichtigt hätte. Ja, ein langer Satz. Aber ist der falsch?

Viele Menschen regt es auf, dass Immobilienentwicklern in Leipzig die Wege geebnet werden, aber Schulen weiter verrotten. Das gehört alles zum Leipziger Wandel. Und wenn Wohnungsbau passiert, dann doch nur zum kleinsten Teil im sozialen Bereich. Mir kommt es in vielen Ecken Leipzigs so vor, als würden Immobilien für gut verdienende Menschen ohne Kinder hochgezogen.

Dass da den Menschen die Hutschnur platzt, dürfte niemanden verwundern. Das ist eine der vielen Sorgen, die die Menschen beschäftigt. Und wenn für diese Prachtbauten kein Platz mehr vorhanden ist, muss eben Platz geschaffen werden. Aber sind daran „Merkels Freunde“ oder „die Neubürger“ schuld? Ich bin unschlüssig. Denn die Immobilienblase gab es auch schon vorher. Die haben doch die Flüchtlinge nicht verursacht.

Wollen wir das nicht wahrhaben?

Ich sehe ja selbst, was los ist. Meine Tochter besucht nun das zweite Schuljahr eine neue Schule. Die war schon im Umbau, als sie dahin wechselte. Ein Ende ist nicht abzusehen. Die Technik, die zum Unterrichten verwendet wird, hat so einen vorsintflutlichen Charm. Irgendwie denkt man sich bei der Schule, dass die Achtziger angerufen haben. Und das Alles ungeachtet der guten Qualität des Unterrichts.

In Zukunft werden immer mehr Menschen abgehängt sein, wenn bei all den Dingen die Bevölkerung nicht mitgenommen wird. Darüber sprechen Politiker zwar auch und tun so, als hätten sie die echten Sorgen vor der Zukunft verstanden. Gleichwohl verheddert man sich dann gleich wieder in einer nicht zielführenden Debatte, die schon mit dem ersten Wort überholt ist. So verliert das ganze Land an Ansehen.

Stattdessen kommen die „Truther“ mit ihren gefühlten Wahrheiten um die Ecke und erzählen, wie es „wirklich“ ist. Die Immobilienblase wächst durch die „Großmogule“ immer weiter. Und Wirtschaft und Politik sind von „den Bilderbergern“ unterwandert. Letztlich ist die „Umvolkung“, von der immer mal die Rede ist, ein einziger, teuflischer Plan der Siegermächte.

Es regelt sich alles von selbst

Ich denke, das ist der Hauptgrund, warum das Alles so geworden ist. Die Verantwortlichen – im Großen (bundesweit) und im Kleinen) in Leipzig – denken sich, dass sich das Alles von selbst regelt. Wenn die hochpreisigen Mietskasernen nicht bezogen werden können, werden die Preise von selbst sinken. Wenn den Unternehmen Mitarbeiter fehlen, sollen sie halt welche von sonstwo her holen.

Die Politik, die gestalten soll und entwickeln soll, überlässt die Gesellschaft sich selbst. Da dafür maßgeblich die Regierungsparteien verantwortlich sind, werden diese reihenweise bei aktuellen Landtagswahlen abgestraft. Und in Leipzig gestaltet man meiner Meinung nach auch nicht genügend, so dass alle teilhaben können. Und wir wundern uns über Proteste und Unzufriedenheit?

Der ehemalige Postbahnhof (oben im Bild) wird nach und nach umgebaut. Der Investor entwickelt weiterhin seine Prestige-Objekte. In der Stadtverwaltung denkt man, dass die Anzahl der Wohnungen steigt. Und der Markt soll regeln, wer das bezahlen soll. Politik muss Leitplanken vorgeben. Und die scheinen mir zu fehlen. Daran haben auch keine Flüchtlinge irgendeine Aktie, sie sind aber wegen dieses Umstands in einer solchen Situation. Aber das ist halt nur meine Meinung.

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