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Vorwärts immer! Darf man über Honecker lachen?

Darf man als Deutscher über den früheren Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker lachen? Dieser Frage geht der Film „Vorwärts immer!“ derzeit nach. Was meinen Sie in einer Woche, in der der legendäre 9. Oktober stattfand? Ich hatte es ja angekündigt: Ich mache einen Abwasch der Woche. Und in diesem Versuch gehe ich mal der Frage nach, ob es nicht langsam Zeit dafür ist, über Erich Honecker auch mal zu lachen.

Vorwärts immer!

Gestern fand eine Premieren-Vorstellung des Spielfilms „Vorwärts immer!“ in den Passage-Kinos Leipzig statt. Es handelt sich dabei um eine Persiflage auf den legendären Staatsratsvorsitzenden und Vorsitzenden des Ministerrats und Vorsitzenden der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Genossen Erich Honecker, statt. Gespielt wurde das Staatsoberhaupt von Jörg Schüttauf. Naja, eigentlich hatte er den Schauspieler Otto gespielt, der Honecker gespielt hat. Und Otto ist Vater von Anne, die schwanger ist vom Sohn des Erzfeindes von Otto und in den Westen will. Anne wurde von Josefine Preuß gespielt.

Der Film handelt von den letzten Tagen rund um den 9. Oktober 1989. Schüttauf spielt gleichermaßen einen Schauspieler, der verbotenerweise Honecker mimen will, als auch den „wahren“ Honecker. Der Schauspieler wirkt bieder, was sehr komisch daher kommt. Der Staatsratsvorsitzende wirkt leicht trottelig, was auch sehr komisch wirkt. Anne macht einen auf Revoluzzer. Alle anderen Figuren sind in dem Film mehr als nur Beiwerk. „Vorwärts immer“ ist ein Film, bei dem man denkt: „Ja, so hätte es auch gewesen sein können.“

Darf man das?

Alle Welt schwafelt über Erinnerungskultur, was auch das schlimme, diktatorische Regime der DDR betrifft. Ich sag’s ganz ehrlich: Ich fand es nicht so schlimm. Wahrscheinlich auch, weil ich 1989 noch Schüler war. Klar, wir durften nicht reisen. Ja, Bananen gab es nicht. Und mit Sicherheit war eine eigene Meinung nicht gefragt. Aber ich als Schüler fand schon, dass man da relativ behütet in dem ehemaligen Land aufwachsen konnte.

Natürlich, wenn man sich so umschaut, dann weiß man als früherer DDR-Bürger, dass es schlimme Unrechtshandlungen gab. Es gab eben Verfolgungen, Bespitzelungen, was auch immer. Und viele, viele Menschen haben wirklich gelitten. Dennoch ist die DDR 27 Jahre her. Deutschland lacht über Hitler. Warum darf Deutschland dann nicht auch über Honecker lachen? Um die Frage in der Zwischenüberschrift zu beantworten: Ja, man darf so eine Komödie machen, man darf über Honecker lachen, man darf diesen Film produzieren und anschauen.

Im Film wird ja auch kein Scherz auf Kosten der Bevölkerung gemacht. Und ich fand es sensationell gut, dass im Film der Frage nachgegangen wurde, wie es denn sein konnte, dass trotz Schießbefehl am Abend des 9. Oktober die aktivierten Panzer doch nicht nach Leipzig rein fuhren. Dass es ein Doppelgänger von Honecker war, der den Einsatz abgesagt hat, ist zwar absurd. Aber nachdem nicht richtig klar ist, wieso es so war, wie es Leipzig an dem Abend erlebt hatte, war genau diese Geschichte auch möglich.

Meet and Greet

Die Passage-Kinos in der Leipziger Innenstadt haben große Tradition. Über 100 Jahre alt ist das Lichtspielhaus, das in der DDR „Filmtheater der Freundschaft“ hieß. Die Filmpassage ist gefließt und beinhaltet eine Kino-Kneipe und mehrere Filmsäle von der Passage aus. Vor dem Film mischten sich Josefine Preuß und Jörg Schüttauf unters Volk. Der Schauspieler, der in der „Stadt mit den 3 O“ (Gorl-Morgs-Stodd = Karl-Marx-Stadt = Chemnitz) geboren wurde, und die gebürtige Havelländerin standen für Gespräche und Fotos gern zur Verfügung.

Jörg Schüttauf und ich im Selfie und Alberei
Jörg Schüttauf und ich im Selfie und Alberei
Josefine Preuß und ich nach dem Film
Josefine Preuß und ich nach dem Film

Wie das bei Schauspielern so ist, es waren keine zig Versuche möglich, weshalb die Fotos auch etwas verwackelt sind. Aber das macht ja nichts, denke ich. Die Schauspieler waren jedenfalls ziemlich nah am Publikum. Und so erfuhr man vom Produzenten Philipp Weinges, dass es viele Jahre brauchte, diesen Film zu machen. Regisseurin Franziska Meletzky war selbst auf den Montagsdemos, auch am 9. Oktober, wie auch ich und zigtausend Leipziger. Und so erfuhr man, dass der Film ganz anders wurde als ursprünglich gedacht.

Die Feinsinnigkeit, die trotz aller Komik immer mitschwingt, war sehr genau heraus gearbeitet. So fühlt man richtig neben all dem Klamauk wie der falsche Erich im Zentralkommittee mit der Sekretärin auch den behutsamen und sehr filigran erarbeiteten Umgang mit dem Thema. Und man erfährt so nebenbei, dass Schüttauf mit Youtube-Videos den Honecker-Singsang erlernt hat und dabei auch den harsch daher schimpfenden SED-Vorsitzenden kennengelernt hatte. Ohne dies wäre der Film so wohl nicht möglich gewesen.

Jetzt ist aber mal gut

Wie gesagt, die DDR waren in großen Teilen ein Unrechtsstaat. „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer…“ war eine romantische Verklärung der leeren Konsum-Regale und der Bespitzelung. Dennoch muss man doch auch 27 Jahre danach herzhaft über die Trotteligkeit des Film-Honeckers lachen können. Das gehört einfach mal dazu. Und man darf nicht mehr alles so verbissen sehen. In dieser Woche war mal wieder der 9. Oktober. So lang es diese Zeitrechnung gibt, wird es dieses Datum jedes Jahr geben. Irgendwann ist auch mal gut.

Der Film war eine Super-Geschichte, wie es auch gewesen sein konnte. Sie ist natürlich absurd und komisch. Aber man hat sich mit der Frage auseinander gesetzt, wieso der 9. Oktober friedlich blieb. Und wenn schon mal gnadenlos übertrieben wird, darf man auch darüber lachen. Das ist gut und richtig und gehört zum Umgang mit dem DDR-Erbe dazu. Der Film war großartig, und damit habe ich meinen Abwasch erledigt.

 

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

One thought to “Vorwärts immer! Darf man über Honecker lachen?”

  1. Mal ehrlich, auf internationalen Parkett, wenn nicht gerade bei seinem Schmusefreund Breshnev kam Honni bei offiziellen Anlässen die man im Fernsehen zeigte immer etwas trottlig rüber. Übertroffen nur noch von seinem Vorgänger.
    Von dem hatte er sich das wohl abgeschaut.
    Von staasmännigen Auftreten oder sogar Eleganz konnte da nie die Rede sein.
    Selbst wenn der Kommentar im DDR Fernsehen noch so enthusiastisch war.

    Da kann man durchaus Vergleiche ziehen zum Film „King Ralph.“

    Wenn mal wieder Dokumentationen über Erich kommen, z.B. über seinen Besuch in der damaligen BRD. Da ist einiges dabei zum fremdschämen.

    Frank

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