Telegram-Messenger und die kruden Gruppen

Telegram-Messenger und die kruden Gruppen

Telegram-Messenger und die kruden Gruppen

Letzte Aktualisierung am

Eigentlich nutze ich Telegram sehr gern. Diese Vorliebe teile ich mit Millionen anderer Nutzer weltweit. Aber der Messenger wird derzeit ganz übel missbraucht. Was ihn ausmacht, wurde von teils sehr kruden Gruppen in Beschlag genommen. Der Betreiber selbst bleibt offenbar auch bis heute ziemlich verborgen. Und so muss man sich ernsthaft fragen, inwieweit Telegram noch als Kommunikationsmittel dient. Was ich damit meine, werde ich im Folgenden ausführen. Denn manches wollte ich einfach gar nicht glauben. Das war ein Trugschluss.

Was steckt hinter Telegram?

Ich habe ja geschrieben, dass ich Telegram sehr gern nutze. Ich finde die App irgendwie angenehmer als WhatsApp. Ach, und nicht zuletzt hege ich eine große Skepsis gegenüber dem grünen Monster von Facebook. Da spiele ich lieber mit dem Konkurrenten herum. Allerdings stehen hier auch immer wieder Fragezeichen im Raum. Und wie das nun mal so ist, muss man denen auch nachgehen. Also: Was steckt denn hinter Telegram?

Der Messenger wurde von Pawel und Nikolai Durow entwickelt. Es gibt ein eigenes Protokoll für die Datenübertragung. Und das funktioniert auch zwischen unterschiedlichen Rechenzentren. Das Ganze ist Cloud-gestützt. Die Durow-Brüder wurden steinreich durch das russische soziale Netzwerk vk.com – ehemals VKontakte. Das steht immer wieder in der Kritik, was auch dazu führte, dass ihm eine große Nähe zum Kreml nachgesagt wurde. Ähnlich ist das bei Telegram. Allein der Nachweis fehlt.

Der Messenger hat mittlerweile über 400 Millionen Nutzer, was wohl auch an aktuellen Ausgangsbeschränkungen liegt. Es gibt jede Menge nützliche Funktionen neben dem Chat, dem Account, den Stickern oder etwa den Entwürfen. Es gibt gut funktionierende Gruppen, in denen man Umfragen starten kann. Für Webseiten gibt es Channels. Ich kann einen Bot pflegen. Und es gibt Sprach- und Video-Anrufe, Live-Locations und geheime Nachrichten. Also ziemlich viel.

Und das Alles kostet den Nutzer nichts. Und da sind wir doch bei einem enormen Fragezeichen. Wie finanziert sich Telegram? Wie kann die Server- und Cloud-Infrastruktur betrieben und finanziert werden? Es gibt ja keine Werbeanzeigen oder sonstwas. Pawel Durov bezahlt wohl erstmal die Chose. Und dann sollen es Spenden richten. Aber ein bisschen skeptisch kann man dann doch sein.

Und was ist das jetzt mit den kruden Gruppen?

Ich hatte zum Messenger schon mal meine Bedenken geäußert. Damals ging es um die Finanzierung. Reden wir aber mal über die Gruppen. Ich wohne in Leipzig und habe mal nach den “Gruppen in meiner Nähe” geschaut. Nicht viel spektakuläres dabei: Schmuddel-Gruppen, Nachbarschaftshilfe, Laber-Kanäle etc. Aber eben auch eine Gruppe namens “Freie Patrioten Leipzig”. Der Gruppenchat ist so, wie man ihn sich bei so einem Gruppennamen vorstellt.

Dort werden Inhalte von Eva Herman geteilt, die nachweislich merkwürdige Inhalte verbreitet. Ken Jebsen, der nachweislich Hetze und Verschwörungstheorien verbreitet, kommt vor. Und solche Dinge wie “betreutes Denken” werden thematisiert. Und nein, damit ist nicht das Kabarett-Programm der “Herkuleskeule” gemeint. Alles sehr, sehr seltsam. Ich wollte es erst nicht glauben, aber diese Gruppen gibt es also wirklich. Abseits von Facebook, Twitter und Co.

Im gesamten deutschsprachigen Raum wird Telegram mehr für derartige Inhalte verwendet als zum Beispiel WhatsApp oder Facebook. Wir erinnern uns alle an die schwurbeligen Inhalte von Sänger Xavier Naidoo oder dem Koch Attila Hildmann. Aber auch PEGIDA-Gründer Lutz Bachmann ist dort präsent. Eva Herman hat mehr als 100000 Abonnenten über Telegram. Nein, diese Leute rufen nicht zur Gewalt oder sonstwas auf. Deshalb lässt Telegram sie auch gewähren.

Im Messenger wird das Thema Meinungsfreiheit sehr freizügig gehandhabt. Nicht alles, was laut Grundgesetz nicht mehr von diesem Grundrecht abgedeckt ist, wird in Telegram unterbunden. Und so können die Schwurbler sich nach Herzenslust tummeln und ihre Theorien verbreiten. Wohlgemerkt: Thematische Laien stellen die Expertise von thematischen Experten in Frage. Und tausende Leute folgen dem Ganzen. Deshalb sind die Gruppen in meinen Augen krude und deshalb gefährlich.

Da vergeht mir die Lust auf Telegram

Ich will eigentlich in keinem Bus sitzen, in dem ich von einem Virus angesteckt werden kann. Aus diesem Grund benutze ich mein Auto und arbeite von zuhause aus. Und mit Diensten im Internet halte ich es auch so. Ich habe mich von Diensten abgemeldet, weil dort der Anteil der Radikalen und Verschwörungstheoretiker überhand nahm. Im Prinzip bleibt mir in Sachen Telegram auch keine andere Wahl. Denn ich will nicht vom Schwurbler-Virus angesteckt werden.

Na klar, ich muss nur nicht in solchen Gruppen herum steigen. Aber grundsätzlich ist doch die Frage, ob man sich nicht mit den ganzen Schwurblern gemein macht, wenn man einen Dienst nutzt, den sie bevorzugen? Zusammen mit der offenen Frage nach der Finanzierung wird es nicht eben einfacher, Telegram als Mittel der Wahl anzuerkennen. Aber was dann? Mir fielen da einige ein. Das Problem ist halt, dass die aus mir unbekannten Gründen niemand nutzt.

Es spricht zum Beispiel nichts gegen Chiffry, gegen Threema, gegen Kaizala oder meinetwegen auch Signal. Warum das Facebook-Monster WhatsApp? Warum das unklare Telegram? Ja, so richtig trennen will ich mich eigentlich nicht. Aber können die Fragen rund um den Messenger beantwortet werden? Kriegen die Betreiber das Schwurbler-Problem in den Griff? Ich bin sehr skeptisch.

Telegram-Messenger und die kruden Gruppen
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1 Kommentar zu „Telegram-Messenger und die kruden Gruppen“

  1. Reinhard Wagner

    Mir geht es genauso. Aber egal was ich mache, es gibt Typen, die ich nicht leiden kann, die machen das auch. Also verkneife ich es mir, nach Deppen zu suchen, im Zweifel muss ich da nur über die Straße gehen. Aber ich ziehe deswegen nicht um, nur weil ich auf ein Haus kucke, in dem Leute wohnen, die Viren für eine Erfindung der Pharmaindustrie halten.

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