18 Jahre „Bloodflowers“ von The Cure

Neulich kam ein Kontakt in den sozialen Netzwerken und erzählte mir vom Album „Bloodflowers“ von The Cure. Natürlich habe ich das Album irgendwann mal laufen gehabt. Aber mehr so nebenbei. Und so fand ich das Album nicht so spektakulär. Ein böser Fehler, wie ich nun finde. Hört man es intensiv, ist man fix und fertig. Als hochtrabend angekündigter dritter Teil der Gothic-Alben-Serie „Trilogy“, wozu auch das bis heute für mich alles überstrahlende „Disintegration“ gehört, ergießt sich die pure Trostlosigkeit in musikalische Brillanz. Und deshalb gehört das Album einfach mal besprochen.

Bloodflowers – Die unterschätzte Perle

Ich bin ehrlich: Wenn man „Bloodflowers“ nebenher laufen lässt, klingt das Alles nach drögem Geschrammel. Deshalb hinterließ das Album bei mir auch keinen tiefen Eindruck. Ich habe mich immer gefragt, was die Leute denn alle haben, wenn sie von einem monumentalen Meisterwerk erzählen. Und dann überflog ich irgendwann mal die Texte, und mir wurde ein wenig anders. Ehrlich gesagt, habe ich mich dann auch nicht an das Album heran getraut. Zu mächtig drohte es mit einem musikalischen Erguss, den man nicht so ohne weiteres verarbeiten kann.

Nachdem ich das Album gehört habe, bin ich davon überzeugt, dass es nach dem epischen „Disintegration“ von 1989 das beste Album von The Cure ist. Robert Smith lief hier zur Höchstform auf. Das Album hat eher harsche Kritiken einstecken müssen. Aber es gilt als eins der zentralen Werke der Band. Die Kritik ist ungerechtfertigt, obwohl eine Stunde lang Robert Smith jammert und grummelige Gitarren-Teppiche vor sich hin schrammeln. Aber da ist eben wesentlich mehr als das. Und das macht das Album so gut. Genau deshalb wurde es auch allenthalben von den Experten unterschätzt.

Nicht von dieser Welt – Sieh mich fallen – Wo die Vögel immer singen

Wenn wir auf alles zurückschauen, werden wir noch wissen, wie es sich anfühlt, lebendig zu sein? Wir müssen immer wieder zurück ins wirkliche Leben, wo wir hingehören. Wenn wir zurückdenken an alles, werden wir vergessen, wie es wirklich ist? Warum fühlt es sich so an? Wir wollen ein anderes Leben, ein anderes Mal. Ein letztes Mal, bevor es vorbei ist… Mit dieser traurigen Einstimmung namens „Out of this World“ beginnt es. Hier könnte eine Affäre beschrieben sein, oder?

Ich sehe mich fallen, als ob es Jahre wären. Ich sehe mich kleiner wachsen und mich verschwinden. Und ich rutsche aus meiner gewöhnlichen Welt. Eine dünner, kalter Neumond, Schnee, und Neonlichter von Tokio flackern umher. Ich bin verloren, warum folgst du mir nicht? Nackt bis auf die Knochen im Spiegel an der Wand. Sie schluckt ihn runter, als ob ich es nicht bin. Sie streckt ihre Hände aus, er folgt ihr auf die Knie. Das innere Saugen, das unersättliche Lächeln, du wirst dich in mir vergessen. An einem grausamen, kalten Tag im Bett in Tokio zog sie ihn weiter runter als je zuvor. Ich falle in den Spiegel und beobachte mich, wie ich schreie. Ich beobachte mich, wie ich langsam werde, wie ich verschwinde. Ich werde nicht zurückkommen. In seinen gewöhnlichen Augen beobachte ich, wie ich falle… Was für ein düsterer Alptraum. Aber war das nun Sex? Oder irgendeine schwarze Messe?

Die Welt ist weder fair noch unfair. Das ist nur ein Weg zu verstehen. Einer überlebt, die anderen sterben. Und du willst immer wissen wieso. Die Welt ist weder gerecht noch ungerecht. Nur wir versuchen zu fühlen, dass da ein Sinn darin ist. Obwohl man jung geht, ist vieles ungetan. Eine Tragödie für alle. Da ist kein Plan oder Geheimnis, kein ungesehenes Zeichen oder unbekannte Wahrheit. In anderen weiterleben, in Erinnerungen und Träumen ist nicht genug. Du willst alles: Eine andere Welt, wo die Sonne immer scheint und die Vögel immer singen… Man kann nichts ändern, worauf man keinen Einfluss hat. Und jeder Mensch lebt in Gedanken weiter. Das ist der Sinn des Lebens.

Irgendwann – Der letzte Sommertag – Kein „Falls“

Ich will nicht nochmal so tun, wenn ich nicht wie vorher sein kann. Ich muss es enden lassen und will nicht, was es war. Eine Änderung im Kopf, aber vielleicht eines Tages. Ich muss es laufen lassen, es weg lassen. Geh weg! Hör auf, es laufen zu lassen. Sei zu ängstlich zum Springen. Wenn ich zu lang warte, aber vielleicht eines Tages. Ich werde nichts mehr tun, was keinen Sinn ergibt. Können wir nicht sein, wie es war, muss ich es ruhen lassen. Ich will nicht, was ich tat. Ich hatte eine Zeitenänderung. Aber vielleicht eines Tages. Ich sehe dich lächeln, wenn du mich rufst, beginne zu fühlen, und es fühlt sich so an. Und ich weiß, dass vielleicht der Tag kommt… Stillstand ist der Tod. Irgendwann, nur nicht heute, fange ich zu leben an. Oder so.

Nichts, das ich bin oder wovon ich träume, ist neu. Nichts, das ich denke oder glaube oder sage, ist wahr. Alles, was ich habe und halte, ist falsch. Alles, das ich fühle oder vertraue oder liebe, ist weg. Früher war es einfach. Ich es nie versucht. Aber der letzte Sommertag war nie so kalt… Ja, früher war alles besser. Und jetzt ist nichts mehr davon da.

Erinnerst du dich an das erste Mal, als ich sagte, ich liebe dich? Es hat stark geregnet, und du hast nie gehört. Du hast geniest, und ich musste es wiederholen. Du hieltest deine Hände vor meine Augen. Ich sah zu, als der Regen durch deine Finger rann. Und ich lächelte, als du mich geküsst hast. Das letzte Mal, dass ich sagte, ich liebe dich, war es warm und sicher in unserer perfekten Welt. Du hast gegähnt und ich musste es wiederholen. Du hieltest die Hände vor deine Augen. Und ich sah zu, wie dir die Tränen durch die Finger liefen. Und ich weinte. „Wenn du stirbst, sterb ich auch“, sagtest du. Aber es hört an dem Tag auf, an dem du siehst, wie es ist. Es beginnt an dem Tag, an dem du ein Zeichen setzt. Sag mir, dass du immer mein und ich immer dein bin. Aber es gibt kein „für immer“… Ja, man soll sich seiner Sache nie sicher sein.

Lärm – 39 – Blutblumen

Seite an Seite in der Sille, sie entschwinden dem Tag, so bequem, so gewohnheitsmäßig. Und so gibt es nichts mehr zu sagen. Seite an Seite in der Stille. Seine Gedanken wiederholen sich. Er schaut in den Himmel, und starrt zu Boden. Seite an Seite in der Stille. Sie wünschen sich verschiedene Welten. Sie träumt ihn als Jungen, und er liebt sie als Mädchen. Seite an Seite in der Stille, ohne ein einziges Wort ist es der lauteste Ton, den ich je gehört habe… Wenn Stille ohrenbetäubend ist, ist das so ein schlimmes Gefühl. Kennen Sie das? Ich schon.

Das Feuer ist fast aus, es gibt nichts mehr zu verbrennen. Ich habe keine Gedanken mehr, mir gingen die Worte aus. Ich habe sie aufgebraucht. Das Feuer ist fast kalt, es gibt nichts mehr zu verbrennen. Ich habe keine Gefühle mehr, ich ging aus der Welt. Alles, was ich versprach und versuchte. Alles, was ich tat, hat das Feuer genährt. Das Feuer ist fast tot, es gibt nichts mehr zu verbrennen. Ich habe alles beendet. Alles, was ich versprach und versuchte und träumte, hat das Feuer genährt. Mein halbes Leben war ich hier, mein halbes Leben steht in Flammen. Mit allem, was ich hatte, musste ich die Flammen am Leben halten. Aber es gibt nichts mehr zum Verbrennen… Wenn man keine Kraft mehr hat, um die Dinge zu ändern, muss man aufhören, oder?

„Dieser Traum endet nie. Das Gefühl geht nie. Die Zeit abzuhauen wird nie kommen. Diese Welle wird nie brechen. Die Sonne geht nie wieder unter. Diese Blumen werden nie welken“, sagtest du. „Diese Welt hört nie auf. Das Wunder geht nie weg. Die Zeit zum Abschied wird nie kommen. Die Flut dreht sich nie. Die Nacht bricht nie herein, diese Blumen werden nie sterben“, sagtest du. „Dieser Traum endet immer. Das Gefühl geht immer. Die Zeit abzuhauen kommt immer. Die Welle bricht immer, und diese Blumen werden immer welken“, sagte ich. „Diese Welt hört auf, sich zu drehen. Das Wunder geht immer weg. Die Zeit zum Abschied kommt immer. Die Nacht bricht immer wieder herein. Und diese Blumen werden immer sterben“, sagtest du. Zwischen dir und mir ist es schwer zu wissen: Wem zu vertrauen, was zu denken, was zu glauben, wie zu fühlen, was zu tun. Du gabst mir Blumen der Liebe, die immer welken. Ich lasse Blumen aus Blut fallen… Damit ist das Ende einer romantischen Verbindung besiegelt.

Diese endlose Bitterkeit!

„Bloodflowers“ ist ein Album voller Bitterkeit. Das Titelstück erinnert mich sehr stark an „The same water as you“ aus „Disintegration“. Und überhaupt ist das hier die konsequente Fortsetzung dieses Meilensteins, der hier zum Finale kommt. Aber ehrlich: Ist das Gothic? Ich würde eher sagen, dass The Cure hier ein ums andere Mal großartig aufzeigen, was für eine sensationelle Rockband sie sind. Und Robert Smith zeigt hier, was für ein brillanter Songwriter er ist. Und das hat man den Altmeistern im Jahr 2000 gar nicht zugetraut, nachdem die Alben zwischen „Disintegration“ und „Bloodflowers“ eher so poppig waren.

Ja, auf dem Album fehlt der große Wurf einer Single. Ja, wenn das Album nebenher läuft, schrammelt es so eher nichtssagend vor sich hin. Das große Potential entfaltet sich aber vollständig, wenn man sich das Album über Kopfhörer gibt. Dann macht einen das Album fertig. Man denkt sich gar nicht, dass so viel Bitterkeit in einer Stunde geschehen kann. Aber ja, Robert Smith schafft das. Für mich ist das Titelstück die Essenz aus allem, was die Trilogie aus „Pornography“ (das ich auch noch besprechen muss), „Disintegration“ und „Bloodflowers“ hergibt. Wenn man ein Lied zum Anspielen mitgeben will, dann ja wohl dieses:

Fazit

The Cure waren immer am besten, wenn man es am wenigsten erwartet hatte. Waren sie nach „Kiss me Kiss me Kiss me“ eigentlich im Pop angekommen, nur um dann zerstörerisch mit „Disintegration“ zurück zu schlagen, so waren sie nach „Wild Mood Swings“ praktisch am Ende und kamen mit „Bloodflowers“ zurück. Nun wartet die Welt aber schon seit 10 Jahren auf ein neues Album. Und niemand weiß, ob jemals eins kommen wird. Und wenn: Wird es nochmal so ein monumentales Ungetüm wie die drei Alben der Trilogie sein?

Die Band tourt nach wie vor durch die Welt. Erst im letzten Jahr waren sie weltweit unterwegs. Und irgendwie tobt immer die Trilogie mit herum. Ein fester Bestandteil ist dabei auch immer ein Teil des Albums „Bloodflowers“. Denn speziell „Bloodflowers“ enthält einige Nummern, die auch gut und gern früher hätten auf einem Album erscheinen können. Dann aber entweder „Pornography“ oder „Disintegration“. Auf ominöse Art und Weise hängen diese drei Alben zusammen. Und so spannen The Cure mit den drei Alben einen Bogen über 18 Jahre, der vor 18 Jahren sein Ende fand.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.