Das Lied meines Lebens

Durch irgendeinen Musiksender ist gestern wieder ein Lied für mich präsent geworden, das mich immer wieder beeindruckt hatte. Was ich im Jahr des Erscheinens, 1988, nicht wusste, es würde einen Teil meines persönlichen Lebens schildern. Es geht um eins der erfolgreichsten Lieder von Michael Rutherford als „Mike & The Mechanics“: „The Living Years“.

Wenn man jung ist, treibt es einen immer wieder dazu, sich nicht auf die Meinung der älteren Semester einzulassen. An allem, was schief läuft, sind die Älteren schuld. Und das ist frustrierend für mündige Heranwachsende. So ging es mir auch. Mein Vater und ich, wir hatten ab Mitte der Achtziger Jahre alles andere als ein gutes Verhältnis. Er wollte irgendwie etwas völlig anderes als ich. Und er hatte viel Hoffnung in mich investiert. Das war für mich frustrierend, weshalb es bis zu seinem Tod zu einem Dauerstreit kam.

In den Neunzigern hatte ich eine produktive Phase, in der ich selbst Musik gemacht habe. Ich hatte auch immer wieder mal versucht, über das Verhältnis zwischen meinem Vater und mir zu schreiben. Es gelang mir aber nicht. Paul Carrack singt im Lied die Worte von B.A. Robertson:

More crumpled bits of paper filled with imperfect thoughts
stilted conversations I’m afraid that’s all we’ve got

Immer, wenn ich über unser Verhältnis schreiben wollte, war ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Irgendwie kam es mir nie gut genug vor. Und wenn wir mal geredet haben, war es wie im Lied mehr oder weniger wie eine gestellte Konversation. Und wegen verschiedener Sichtweisen hat keiner von uns je vom anderen wirkliche Zustimmung erfahren. Es war, als hätten wir in verschiedenen Sprachen gesprochen, immer darauf achtend, nicht die eigene Deckung zu verlassen.

Es waren dann immer wieder verbale Scharmützel im Gange. Und zwar nicht nur zwischen „dem Alten“ und „dem Neuen“. Es war eine bittere Zeit. Bevor das alles anfing, hat er mir alles beigebracht, was man über Handball im Groben wissen muss. Dass ich das nie professionell hätte machen wollen und dass ich zur damaligen Zeit kein Ingenieur hätte werden wollen, das muss wohl seine eigene Bitterkeit gewesen sein. Und vielleicht nahm ich es ihm übel, dass er mit mir nie irgendwas geschnitzt hatte. Und dieses fade Gefühl blieb halt die ganzen Jahre. Die Scharmützel hörten aber auch nie auf, weil keiner von uns beiden nachgeben wollte.

Und dann starb er im Sommer 2006. Der Notarzt war gerade da, als ich mich auf den Weg auf Arbeit machte. Ich wohnte zu der Zeit mit meiner Familie ein paar Häuser von meinen Eltern entfernt. Ich habe es die ganze Zeit nicht geschafft, mich mit ihm auszusprechen, die ungeklärten Fragen zu beantworten. Das ist es, glaube ich, warum er mir immer wieder mal in den Sinn kommt und ich ihm die offenen Fragen stellen will. Er hätte sich damals auf seine Enkelin gefreut, die ein paar Monate nach seinem Tod geboren wurde. Sie hat ein wenig von ihm.

Und all das wollte ich ihm einmal erzählen. Da aber keiner von uns aus der Deckung kam, war es irgendwann zu spät, weil er nicht mehr da war. Wir konnten uns nie in die Augen sehen, so sehr das jeder von uns vielleicht gewollt hatte. Warum, weiß ich nicht. Und das wollte ich ihn fragen.

Sorry, wenn ich hier sehr persönlich geworden bin. Aber diese Gedanken beschäftigen mich, wenn ich das Lied höre. Und erstaunlicherweise geht es im Lied genau um das Thema. Ich gebe hier gern meine Quellen an:

Originaltext

Deutsche Übersetzung

Und wer „The Living Years“ nicht kennt, der kann dieses beeindruckende Lied hier hören:

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