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Längst vergessen: „Praying for Time“ von George Michael

An Weihnachten ist ja George Michael, der Macher des ultimativen Weihnachtslieds, gestorben. Ich möchte allerdings an etwa anderes von ihm erinnern. Denn niemand möchte nach Weihnachten noch „Last Christmas“ hören. Es geht mir um sein Emanzipationsalbum „Listen without Prejudice, Vol. 1“ von 1990 und der dortigen Hauptsingle „Praying for Time“. Für mich ist dieses Lied irgendwie eins der besten Stücke des Briten mit griechisch-zypriotischen Wurzeln. Und ich zeige auch, wieso ich das so sehe.

Das sind die Tage der offenen Hand. Sie werden nicht die letzten sein. Sieh dich jetzt um, es sind die Tage der Bettler und Wähler. Das ist das Jahr des Hungrigen, der in die Vergangenheit gehört, Hand in Hand mit Unwissenheit und Ausreden. Die Reichen erklären sich selbst zu Armen. Und die meisten von uns sind sich nicht sicher, ob wir genug haben. Aber wir lassen es darauf ankommen, da Gott irgendwann mit dem Zählen aufgehört hat. Er muss uns alle zum Spielen rausgeschickt haben, hat sich umgedreht, und alle Kinder Gottes sind nach draußen abgehauen. Es ist schwer zu lieben. Es gibt so viel zu hassen. Wir klammern uns an Hoffnung, wenn von keiner Hoffnung die Rede ist. Und der verwundete Himmel über uns sagt, dass es viel zu spät ist. Nun, vielleicht sollten wir für mehr Zeit beten.

Dies sind die Tage der leeren Hand. Du hältst dich an dem fest, was du kannst. Und Wohltätigkeit ist ein Mantel, den man zweimal im Jahr anhat. Das ist das Jahr des Schuldigen. Dein Fernseher bezieht Stellung. Und du merkst, was einmal da drüben war, ist nun hier. Also schreist du hinter deiner Tür, sagst: „Was mein ist, ist mein und nicht deins“. Ich habe vielleicht zu viel, aber ich lasse es darauf ankommen, denn Gott hat aufgehört zu zählen. Du hältst dich an Zeug fest, das man dir verkauft hat. Hast du dir die Augen zugehalten, als sie dir sagten, dass er nicht zurückkommen kann, weil er keine Kinder hat, zu denen er zurückkommt? Es ist schwer zu lieben, es gibt so viel Hass. Wir hängen an der Hoffnung, wenn von keiner Hoffnung die Rede ist. Und der verwundete Himmel über uns sagt, dass es viel zu spät ist. Nun, vielleicht sollten wir für mehr Zeit beten.

Düster, düster, oder? Vorbei das „Yeah-yeah-yeah-nana-nana-nana“ der Achtziger. George Michael kam im Sommer 1990 mit diesem sehr nachdenklichen Lied um die Ecke, das irgendwie ein bisschen wie ein Manifest wurde. Das Lied spielt mit dem Zerwürfnis der Welt. Die Gesellschaften sind kaputt, und es gibt keine Hoffnung mehr. Und durch den Fall des Eisernen Vorhangs hatten viele im damaligen Westeuropa Angst davor, dass der schleichend dahin siechenden Gesellschaft endgültig der Garaus gemacht wird, wenn der ausgemergelte Ostblock hinzu kommt.

„Praying for Time“ ist ein Sinnbild dafür, wie am Ende der Achtziger die halbe Welt nur so triefte vor lauter Scheinheiligkeit, Abscheu, Hunger und Bedürftigkeit. Ich habe aus der Zeit gelesen, dass viele im damaligen Westeuropa das Gefühl hatten, irgendwie geht es nicht gerecht zu, während sie die Gartenzwerge in den Vorgärten ausrichteten. Und dann kam der böse, graue Ostblock dazu. Man feierte sich besinnungslos, und das Gefühl der Ungerechtigkeit war wie weggeblasen.

Irgendwie passt „Praying for Time“ auch in die heutige Zeit. Denn man hat das Gefühl, irgendwas geht nicht mit rechten Dingen zu. Aber man verschönert das Facebook-Profil und belässt alles so, wie es ist. Im Prinzip ist das, was Leute derzeit an Gefühlen mit sich herumtragen, nicht viel anders zu dem, was die Leute in den End-Achtzigern fühlten. Und irgendwie möchte man wieder für mehr Zeit beten, bevor uns die nächste Glückseligkeit besoffen macht.

Und über allem schwebt das seit Jahrzehnten latent vorliegende Gefühl, dass es da Völker gibt, die von allen abgehängt sind. Die immer mit zu wenig auskommen müssen. Die mit Katastrophen leben müssen. Irgendwo sind diese Völker. Aber wir singen weiter unser „Yeah-yeah-yeah-nana-nana-nana“ und werden an Silvester ein berauschendes Fest mit Feuerwerksböllern haben. Die vergessenen Völker können nicht mitfeiern. Denn die beten für mehr Zeit, dass sie doch irgendwann auf die Beine kommen. Daran sollte das Lied auch erinnern.

„Praying for Time“ ist eine große Nummer in meinen Ohren. Nie war George Michael ernster. Und wenn wir uns an Weihnachten das achthundertste Mal „Last Christmas“ anhören müssen, sollten wir auch an anderen Tagen an dieses Lied denken. Oder sehe ich das falsch?

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

2 thoughts to “Längst vergessen: „Praying for Time“ von George Michael”

  1. Dieses Lied war für mich schon immer das beste von George Michael. Und auch ich finde, dass es zu der heutigen Zeit genauso passt wie vor knapp 30 Jahren. Alle wissen, dass es ungerecht zugeht. Nur haben die Menschen gelernt damit zu leben, und haben es geschafft sich einzureden, dass sie nichts daran ändern können oder sogar dass es nicht ihr Problem ist. Stattdessen funktioniert das „Meckern auf hohem Niveau“ ganz gut. Es gibt immer jemanden, dem es noch besser geht. Ein mal kurz vor Weihnachten oder zu einem anderen Anlass, wird gespendet… für das Gewissen. Aber furch die „pseudo Anonymität“ Im Internet, veröffentlichten Menschen ihre wirklichen Meinungen. Was früher unfassbar war, was sich keiner getraut hääte zu sagen, wird heute zu Normalität erklärt. Die Schwelle für das Gewissen sinkt und sinkt. Vor einem Gott, der uns irgendwann die Rechnung für unser Leben ausstellen wird, glauben nur noch sehr wenige. Auch wenn viele das von sich noch behaupten.

    Das Lied wird nie an Aktualität verlieren. Eher an Bedeutung gewinnen… :(

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