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Ein seltsamer Eurovision Song Contest 2015

Der Eurovision Song Contest wird sicher immer Diskussionspunkt sein. Zum 60. Mal fand er statt. In Wien. Gewonnen hat Schweden. Aber wie! Helden gewannen vor Weltverbesserern vor Mailänder Scala. Null, niente, nada wurde für Deutschland und Österreich aufgerufen. Und irgendwie fand ich das nicht gerechtfertigt. Aber in Sachen Deutschland habe ich zumindest eine Idee, wie das kam.

Strichmännchen-Helden

„Wir sind die Helden unserer Zeit“ sang lauthals und in hohen Oktaven ein gewisser Måns Zelmerlöw inmitten von tanzenden Strichmännchen und pulsierendem Rotlicht und Sternenregen. Ja, die Schweden wissen, wie Pop mit großem Alarm geht. Da ja auch in Europa die Show über alles geht und die Nummer eine elektrisierende Eurodance-Nummer ist, war eigentlich klar, dass dieses Stück – wie man es von den Schweden immer gewöhnt ist – sehr weit vorn landet. Letztlich hatte das Lied 60 Punkte Vorsprung vor der zweitplatzierten Nummer.

Die Nummer stammt aus der Feder von Anton Malmberg Hård af Segerstad, Joy Deb und Linnea Deb. Die beiden Debs waren auch verantwortlich für das Eurodance-Stückchen „You“ von Robin Stjernberg, mit dem er vor zwei Jahren nur auf Platz 14 beim damaligen Eurovision Song Contest einscherte. Ersterer ist auch bekannt als „Goldfinger“ und als Teil von „Le Kid“ und war unter anderem auch für den Disco-Act Alcazar verantwortlich. Und die zauberten die Nummer zusammen.

In dem Lied geht es darum, dass jeder ein Held sein. Und die Generation, die diese Zeit mitgestaltet und an ihr aktiv teilnimmt, ist die Riege der Helden unserer Zeit. Und egal, wie mies es läuft, irgendwann geht es wieder aufwärts. Sehr optimistisch, finde ich. Aber die Bühnenshow schlug alles, weshalb ich denke, dass Zelmerlöw deshalb gewonnen hatte:

Gefühlt scheinheiliger Pathos

Platz zwei wurde die Russin Polina Gagarina. Sie trug die pathetische Ballade „A Million Voices“ vor, die von den Schweden Gabriel Alares, Joakim Björnberg, Katrina Noorbergen, sowie von den Russen Leonid Gutkin und Vladimir Matetsky verfasst wurde. Alares, Björnberg und Gutkin waren schon einmal zusammen für Russland tätig. „A Million Voices“ wurde vom russischen Staatsfernsehen ausgewählt und bringt daher einen merkwürdigen Unterton mit sich.

Im Lied wird davon erzählt, dass alle Menschen zusammen stehen sollen, damit Frieden und Hoffnung kommt. Voller Inbrunst wird die Nächstenliebe gepredigt und ein Traum herbei geglaubt. Es ist eine typische Weltverbesserungsballade, wie sie immer beim Eurovision Song Contest zu Gehör kommt.

Das Problem ist, dass das Alles wie eine gigantische Medienkampagne zur Image-Verbesserung Russlands herum kommt. Ja, dafür kann Polina Gagarina nichts. Aber es wirkt alles ein wenig zu sehr wie „Seht her, wir sind ja so die Friedensengel“, was im Falle von Russland, wo das Lied staatlich festgelegt wurde, einige Zweifel bringen durfte.

Grande Canzone

Ich bin eigentlich kein Fan der italienischen Oper. Was aber „Il Volo“ mit „Grande amore“ ablieferten, war schon ziemlich große Bühne. Man nennt so etwas Opern-Pop. Das Lied an sich wurde bereits 2003 für Opernsänger geschrieben. Und zwar vom Sänger Francesco Boccia und von Ciro Esposito. Es wurde aber zum Beispiel beim San Remo Festival abgelehnt. Nun, 12 Jahre später, neu arrangiert, umgeschrieben und auf Hochglanz poliert, schaffte das Lied Platz 3 in Wien. Und für mich war es der beste Beitrag dieses Jahr.

„Grande amore“ ist natürlich die große Liebe. Also müssen wir uns eigentlich nicht über den Inhalt unterhalten. Aber mir gefiel die Aufmachung. Pop, gepaart mit italienischer Oper – das hat man nicht oft. Das Lied hinterlässt irgendwie ein erhabenes Gefühl. Finden Sie nicht auch?

„Il Volo“ nimmt den Hörer im wahrsten Sinne der Übersetzung mit auf einen Flug. Es ist große Bühne, was da stattfindet. Und es wäre ein mehr als würdiger Sieger gewesen. Schade eigentlich. Sie fanden sich aber nur 11 Punkte hinter Russland, was dann schon sehr bemerkenswert war.

Nichts zu holen für Good Old Germany

Es ist müßig, darüber zu diskutieren, was die Deutschen hätten tun oder lassen sollen. Fakt ist, dass der deutsche Beitrag der Hamburgerin Ann Sophie, Black Smoke, nicht einen einzigen Punkt erhielt. Und das trotz des Autorenteams, bestehend aus Ella MacMahon (unter anderem mit Bastille oder Naughty Boy), Michael Harwood (unter anderem Autor der Hymne für den FIFA Weltcup 2002 in Südkorea) und Tonino Speciale (unter anderem Produzent in verschiedenen Casting-Shows europaweit).

„Black Smoke“ war von vornherein kein Siegerlied. Aber so schlecht, dass es gänzlich leer ausgeht, war es nun auch wieder nicht. Da fand ich einige andere Beiträge wesentlich fragwürdiger. Ich denke, das große Problem an dem Lied war, dass es nur die Nummer 2 im deutschen Vorentscheid war. Mit dem Gewinner des Vorentscheids, Andreas Kümmert, habe ich hier den in meinen Augen Hauptverursacher für das Desaster ausgemacht. Denn ich glaube, wenn irgendwelche Mauscheleien bei ESC-Liedern vermutet werden, nehmen so etwas Jury und Publikum schwer übel. Und ist es mal kein allzu starkes Lied, ist das Desaster vorprogrammiert.

Es gab skurrilere Beiträge in Wien. Daher kann es doch eigentlich auch eine solche Erklärung geben. Und insofern hat in meinen Augen Andreas Kümmert mit dafür gesorgt, dass Deutschland so abgestraft wurde. Wenn ich mich an den lächerlichen Beitrag aus Großbritannien erinnere, hätte die Sängerin Ann Sophie auf jeden Fall mehr Punkte als dieser Nonsens verdient. Aber man kann es nun nicht mehr ändern.

Unverständnis überwiegt

Ich weiß noch, wie ARD-Kommentator Peter Urban völlig verständnislos reagiert hatte. Er – wie auch viele, viele andere Beobachter – waren sichtlich und hörbar schockiert. Natürlich üben sich viele – teilweise selbst ernannte – Experten darin, Ursachen für dieses Abschneiden von Ann Sophie zu finden. Aber die Sängerin selbst nimmt das Ganze mit Humor, indem sie die Textzeile aus dem Gewinner-Lied „We are the Heros of our time“ (Wir sind die Helden unserer Zeit) in „We are the zeros of our time“ (Wir sind die Nullen unserer Zeit) umgebaut hat.

Das Reglement der Punktevergabe versteht kein Mensch. So zeigt sich, dass sehr wohl für die Hamburgerin angerufen wurde und sie auch von der einen oder anderen Jury recht weit vorn gesehen wurde. Und die Sängerin belegte – bestätigt – mehrfach den elften bis dreizehnten Platz. Aber es werden eben nur die ersten 10 Plätze mit Punkten belegt. Daher fiel sie immer wieder unten durch und erhielt am Ende nicht einen Punkt. Verrückt, oder?

Fazit

Die Eurovision hat ein neues Gewinner-Lied gehabt. Edler Eurodance mit optimistischem Besingen von sich selbst als Helden der Zeit mit einer sehenswerten Video-Show hat dieses Jahr zum Sieg getaugt. Und das können eben die Schweden. Ich bin unterm Strich froh, dass die schwedisch-russische Pathos-Ballade nur auf dem zweiten Platz zum Stehen kam. Warum, habe ich oben ausgeführt. Und Deutschland ist an den idiotischen Regularien gescheitert.

Gehört der Eurovision Song Contest abgeschafft? Diskutiert wird da immer wieder. Aber ich finde, dass der bleiben muss. Er dient der Einheit Europas. Und was verbindet Völker denn besser, als Musik? Klar, man muss sich überlegen, ob so eine Bombast-Show sein muss. Aber der ESC an sich ist schon gut und richtig. Schließlich gibt es doch das eine oder andere ungewöhnliche zu sehen, wie der lettische Beitrag von Aminata. „Love injected“ hat sie selbst geschrieben, aber es ist seiner Zeit um Jahre voraus:

Also nächstes Jahr ist wieder Schweden dran. Die werden sich wohl allmählich vornehmen, schlechtere Pop-Musik antreten zu lassen, da diese Veranstaltung auch immer teuer wird. Und muss sich Deutschland nun für den ESC neu erfinden? Nein, warum auch? Lieber sollen sinnvolle Regularien geschaffen werden. Oder etwa nicht?

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

3 Gedanken zu „Ein seltsamer Eurovision Song Contest 2015

  1. Aminata und Måns waren auch 2 meiner 3 Favoriten, wobei ich Måns nicht auf 1 sah.
    Love injected seiner Zeit voraus, kann ich unterschreiben.
    Ich hätte mir Maraaya weiter oben gewünscht, doch viele haben über die Kopfhörer gelästert. Doch viele laufen heute so drausen rum, ist also aktuelle Mode.
    Dass Russland so gut abschnitt ja da hast du Recht, die Schweden wissen wie man Musik macht, aber das war nichts russisches, es war extra für den ESc gemacht, um die Europäer anzusprechen. Der letzte wirkliche russische Erfolg war t.A.T.u. … das russische Musik.
    Songwriter sind aber auch keine Garanten, dann wäre Spanien besser davon gekommen, hier schrieben selbige den ESC Gewinner Songs „Euphoria“.
    Gründe für das deutsche Versagen, kann man hier lesen…
    https://mobilenote.de/2015/05/17/esc-mehr-als-musik-und-politik-darum-scheitert-deutschland-regelmaessig/
    Auch ich bin froh dass Russland nicht gewann, da ist Måns mein Hero.

  2. Der Gewinnersong ist außerdem ein toller Abklatsch von David Guetta´s „Lovers on the Sun“. Ne Alte County Gitarre am Anfang, die Aufmachung nahezu identisch. Man hat nur den Guetta-Typischen Elektro-Sound rausgeschnitten und den takt etwas langsamer gemacht. Naja. Ist aber auch normal heutzutage.

  3. Nunja ESC ist in den letzten Jahren wirklich zu einer billigen provinziellen Modenschau verkommen.

    Das so viele Ostblockstaaten Sympathiepunkte verteilen ist eine Unverschämtheit. Ich weiss es gibt viele Menschen, die widerlegen möchten, dass die Sympathiepunkte tatsächlich wirksam sind. Diese Leute vernachlässigen viele Fakten.

    Es ist leider einfach so: Sympathiepunkte können Berge versetzen. Und ich finde es zum Beispiel eine Lächerlichkeit, dass damals DE Punkte von Bulgarien erhalten hat, weil naja die eine NO ANGELS Sängerin Bulgarin ist.

    Das hat mit Fairness nichts zu tun, ebenso die Tatsache, dass Israel sehr oft keine Punkte an Deutschland verteilt. Das ist einfach als Boykott zu werten.
    Das ist so lächerlich wie wenn ich sagen würde, ich würde keine amerikanischen Autos mehr kaufen, da Deutschland Krieg mit Deutschland geführt hat.

    Und noch was. Die Vermutung liegt nahe, dass alle paar Jahre auch die westlichen Länder gewinnen müssen, um Fairness und Transparenz vorzugaukeln. Im ESC steckt viel Geld und das verleiht Macht. Wie sonst lässt sich erklären, dass Länder wie DE immer garantiert dabei sin d und finanzschwache Staaten die nichts beisteuern eben nicht.

    Und ganz ehrlich, so schlecht sind die Deutschen in den letzten 15 Jahren nicht gewesen, dass sie immer in den hinteren Plätzen landen.

    Und der Sieg Lena Mayer Landruths ? Ich habe viel darüber mit Freunden aus dem Ausland gesprochen:

    Viele sagten,, Die ist cool“
    ,, Die ist keine typisch blonde Deutsche wie die anderen“
    Aber einige sagen auch, , Ihr song war der Hammer, das musste gewinnen“

    andere Dinge sind aber traurigerweise auch, dass in vielen Foren 2010 diskutiert wurde, ob sie nicht jüdischer Abstammung sei. Und das hilft auch um sich dem Feindbild DEUTSCHLAND zu nähern

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