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Crime Sceene: Schauplatz des Verbrechens - (C) Alexas_Fotos CC0 via Pixabay.de Crime Sceene: Schauplatz des Verbrechens - (C) Alexas_Fotos CC0 via Pixabay.de

Amokfahrten: Was Medien daraus machen

Haben Sie von den mutmaßlichen Amokfahrten gehört? Im nordrhein-westfälischen Münster hatte eine stattgefunden. Aber auch im brandenburgischen Cottbus. Was, von letzterer haben Sie gar nichts erfahren? Und bei der in Münster haben Sie von einem Terroranschlag gehört? Glückwunsch, das haben dann die Medien gemacht. Und die Populisten in diesem Land haben all das zum Anlass genommen, um mal wieder drauflos zu brüllen. Das ist wieder ein ausgewachsenes Mediendesaster, was da aus den Amokfahrten erwuchs. Das ist mein Thema im Abwasch der Woche.

Amokfahrten: Was ist das?

Die Frage ist gar nicht so sehr schwierig zu beantworten. “Amok” kommt vom malaiischen Wort “amuk”. Und das bezeichnet “wütend” oder “rasend”. Es handelt sich um scheinbar wahllose Angriffe auf Menschen mit der Absicht, eine möglichst hohe Zahl an Toten zu erreichen. Viele solcher Vorfälle gestalten sich so, dass irgendwer – vielleicht wild brüllend – mit einer Waffe irgendwo eindringt und drauflos ballert. Da der Täter zu Fuß unterwegs ist, spricht man hierbei von einem Amoklauf.

Sind die Täter aber mit Fahrzeugen unterwegs und steuern diese als Waffe, dann haben wir es mit Amokfahrten zu tun. So gesehen, waren die Anschläge am Berliner Breitscheidplatz oder damals in Nizza auch Amokfahrten. Da es sich aber um islamistische Terroristen gehandelt hatte, sprach alle Welt damals von Terroranschlägen. Auch der Vorfall in Westminster wurde als solcher gewertet, obwohl das gar nicht stimmte. Warum aber spricht man auf der einen Seite von Amokfahrten, auf der anderen Seite jedoch von Terroranschlägen? Wie bei den gestrigen Vorfällen.

Amokfahrten: Was geschah in Cottbus?

Der Vorfall in Cottbus am Samstag ist nahezu vollständig untergegangen. Grob gesagt, handelte es sich um einen deutschen Fahrer, der sturzbetrunken mit einem Geländewagen in eine Menschenmenge gefahren ist. Das kann halt passieren, wenn man schwer alkoholisiert ist. Der Mann hatte sich sogar der Polizei später gestellt. Er war eh der Polizei bekannt, wurde kurz vorher schon angetrunken erwischt, wie er auch rechte Parolen brüllte. Aber das war es dann eigentlich schon. Es wurde ein anderer Mann verletzt, und das war es mit Spekulationen.

Es wurde darüber in den sozialen Netzwerken erzählt: “Ja, wenn die Rechten Leute umkarren, interessiert das niemanden. Hauptsache, die können dann ihre Taten feiern”. Aber war es denn so? Ich meine, ich habe oben den Tagesspiegel verlinkt. Also so ganz uninteressant war der Vorfall nicht. Aber es war letztlich ein “Unfall unter Alkoholeinfluss”. Dass der “Täter” – also der Fahrer – dem rechten Spektrum zugehörig scheint, könnte man unter “Zufall” abhaken. Aber letztlich war es nichts weiter weltbewegendes.

Amokfahrten: Gehört der Vorfall von Münster dazu?

Sie haben es bestimmt in irgendwelchen Nachrichten mitbekommen: Gestern raste auch ein Transporter in eine Menschenmenge in Münster. Schnell hieß es, dass es sich um einen Terroranschlag handeln musste. Es führte dem Verständnis nach ja gar kein Weg daran vorbei. Schnell wurden über mutmaßlich rechte / nationalistische Kanäle allerlei Fotos von Menschen verteilt, die doch die Täter sein mussten. Dummerweise waren darunter Journalisten, Comedians oder völlig fremde Personen zu finden. Kein Täter wurde abgebildet.

Blöd war nur, dass der Fahrer des Kleintransporters tatsächlich im Laderaum des Transporters Sprengstoff gehabt haben soll. All das passte den nationalistischen / rechten Kanälen super ins Kontor, bis klar wurde, dass es sich tatsächlich um einen Täter gehandelt hatte und dieser Täter ein 48-jähriger Deutscher war, der sich dann selbst tötete. Vielleicht war dieser Vorfall ja auch bloß kein Terroranschlag? Vielleicht war das ein Vorfall, der zu den Amokfahrten passt? Das werden die Ermittlungsbehörden herausbekommen. Wir jedenfalls nicht.

Die Aasgeier kreisen

Es geschah kurz nach dem Vorfall in Münster: Tweets trafen ein, in denen von “+++EIL+++” die Rede war. Es hieß, dass ein “Vorfall” stattfand. Kurz darauf waren sich diverse Menschen ganz schnell einig, dass das in Münster ein Terroranschlag gewesen sein musste. Unter anderem die “Junge Alternative”, der Jugendverband der AfD. Und in Cottbus hieß es ganz schnell, dass es ein “rechter Anschlag” gewesen sein musste. Münster war in aller Munde, Cottbus nicht. Die Aasgeier kreisen seitdem. Und die Medien machten schon wieder mit. Wie sonst auch.

Wenn so etwas passiert, liegt es in der Natur der Sache, dass man erstmal nachschaut, was da los ist. Man darf aber um Himmels Willen nicht den Fehler machen und bei den Medien nachschauen. Dann lieber bei den jeweiligen Accounts der Polizei. Denn die sind nicht auf Klickzahlen angewiesen. Und die würden nur das kundtun, was sich auch lohnt. Aber speziell durch Werbung finanzierte Medien tun gern alles dafür, die Klickzahlen zu erhöhen.

Und die entsprechenden Populisten machen dann immer gleich mit. Ob es nun Amokfahrten oder Unfälle aufgrund des Alkohols waren, ist dann herzlich egal. Hauptsache, man kann Stimmung machen. Ja, gestern hatte ich mich auch kurz dazu zu Wort gemeldet hatte. Aber nur, um darauf aufmerksam zu machen, dass man nicht alles glauben soll, was da zu solchen Vorfällen palavert wird. Ich will mich einfach nicht daran beteiligen, irgendwas drauflos zu spekulieren.

 

Was machen wir denn nun daraus?

Am besten halten wir uns zurück, wenn solche Nachrichten bekannt werden. Kein “besorgter Bürger”, kein “überzeugter Antifaschist”, keine “Interessensgemeinschaft” und keine Medien können wirklich kund tun, was am Ort des Geschehens passiert ist. Am Ende landet ein Terroranschlag als Bettvorleger in Form einer Alkoholfahrt. Also hören wir alle besser auf, wild drauflos zu spekulieren. Und vor allem sollten wir aufhören, irgendwelche Personengruppen in eine Ecke zu stellen, in die sie vielleicht gar nicht gehören. Aber das wissen wir sicherlich alle.

Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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