Reißleine: Das Maß aller Dinge - Bild von corinna-kr auf Pixabay

Reißleine: Das Maß aller Dinge - Bild von corinna-kr auf Pixabay

Reißleine: Das Maß aller Dinge

Wenn die Reißleine als das Maß aller Dinge durchgeht, muss schon viel passiert sein, oder? Und das ist auch so. Also zumindest bei mir, wenn ich ehrlich bin. Niemand ist ja davor gefeit, dass die Zündschnur immer kürzer wird und das dann in einer einzigen, großen Explosion mündet. Blöd ist es dann, wenn daraus vorschnelle Aktionen passieren. Man muss den Absprung schaffen. Also aus dem Flugzeug, mit dem man auf dem wilden Flug ist. Sprich: Man muss die Reißleine ziehen. Und das meine ich ernst.

Symptome der zu kurzen Zündschnur

Leute, ich bin für gewöhnlich jemand, den nichts so schnell aus der Ruhe bringen kann. Ich mache stoisch mein Ding und versuche meistens, dabei gar nicht so schlecht abzuschneiden. Wenn aber das „Ding“ immer größer wird, muss man echt „Stop!“ sagen. Man muss die Reißleine ziehen. Beim Fallschirmspringen ist das die Leine, die den Notschirm öffnet. An Maschinen eine Art Not-Halt, falls mal etwas ist. Es ist also ein Notfall, wenn das passiert.

Ich habe es bereits hier anklingen lassen: Das Jahr 2021 war für mich kein einfaches Jahr. Ich glaube, der Mensch merkt irgendwann, dass einfach alles zu viel wird. An Silvester, mitten beim Feuerwerk, als ich für meinen Job Bereitschaftsdienst hatte, kamen mir einfach so die Tränen. Ich sagte zu meiner Frau dann: „Jetzt ist dieses Scheißjahr endlich zu Ende, lass das neue Jahr wenigstens halbwegs besser werden“. Oder so ähnlich.

Ich habe einfach die Reißleine ziehen müssen. Soziale Netzwerke, zu viel Arbeit, private Vollkatastrophen, und, und, und. Ich will das nicht nochmal aufzählen. Irgendwann ist es auch bei mir mal genug. Wenn du kaum noch das Abendessen überlebst, weil du einfach komplett fix und fertig bist, musst du raus aus dem Hamsterrad. Vielleicht hat dieser ganze Zinnober dann auch am Ende damit zu tun, dass ich tatsächlich eine immer kürzere Zündschnur hatte.

Alles und jeder regte mich auf. So eine Scheißlaune! Fragt nicht weiter. Auch meine Frau musste darunter leiden, weil ich eben auch so fahrig geworden bin und irgendwie komplett ruhelos. Und ich habe auf die Fliege an der Wand geschimpft. Das Blöde daran ist, dass die eh schon knappen Energiereserven dadurch noch zusätzlich dezimiert werden. Und das regt einen dann noch zusätzlich auf. Es ist ein beschissener Kreislauf. Und dann kann vielleicht irgendwas am Ende der Zündschnur explodieren.

Es muss nicht erst die Reißleine sein

Nein, jetzt kommt kein Personal-Coach-Firlefanz. Ich will doch keine nutzlosen Bücher zu totalen Mondpreisen verkaufen. Ich finde halt nur, dass es niemand verdient hat, bis zur völligen mentalen und / oder körperlichen Erschöpfung weiterzumachen. Ich habe mir halt gesagt, dass ich wieder mehr auf mich achten muss. Ich war also mal wieder im Wald, der ziemlich matschig ist, und habe es einfach so genossen. Das klingt doof, aber man kann so etwas tatsächlich vermissen.

Gerade, wenn du in jeder ruhigen Minute Gefahr läufst einzuschlafen, musst du unbedingt die Reißleine ziehen. Aber ganz ehrlich: So weit muss es nicht kommen. Das letzte Jahr war wegen privater Dinge besonders schlimm und anstrengend. Aber auch abseits dieser Ereignisse war es – Wie sagen die ganzen Typen mit ihren glattgebügelten Phrasen? – ein herausforderndes Jahr. Ich hätte durchaus eher „Stop!“ schreien können. Aber hätte es irgendjemand gehört bei all dem Chaos?

Nein, es muss nicht immer so weit gehen, dass man aus lauter Selbstschutz die Reißleine ziehen muss. Das muss unbedingt anders werden. Und ich will nichts mehr davon hören, dass man nur das richtige „Mindset“ braucht und dies von irgendwem das „Learning“ gewesen sei. Alles Schwachsinn. Mir wurde bewusst, wie viele Schaumschläger es überall gibt. Und mir wurde klar, dass du im Zweifelsfall allein auf dich aufpassen musst. Und zwar bevor du die Reißleine ziehen musst.

Denn ganz ehrlich: Die kann nicht das Maß aller Dinge sein. Wenn wir das so annehmen würden, würde von uns selbst nichts mehr da sein. Es wäre einfach nichts mehr übrig. Und das können wir alle nicht wollen. Weder privat, noch beruflich. Und wenn die Mitmenschen darunter zu leiden drohen, ist es fast zu spät. Passt auf euch auf. Es ist echt beschissen, zu so einer Erkenntnis zu kommen. Aber es ist auch befreiend, aus dem Hamsterrad auszusteigen.

8 Kommentare zu „Reißleine: Das Maß aller Dinge“

      1. Ohne mich nicht direkt aufdrängen zu wollen, der Weg vom Landkreis Mittelsachsen ist nah genug. In einer lauen Sommerlaune würde ich mich dann doch mal etwas aufdrängen ;-).

        Diese „ruhelose“, tod müde und gereizt bis zum Umfallen, diese Zeit kannte ich und aktuell, wegen privater Überanstrengung erkenne ich, dank deiner Zeilen, meine Probleme doch auch wieder.
        Lass dich nicht unterkriegen, du bist auf dem richtigen Weg und hast – auch ohne personal Coach Gedöhnse – alle Eckpunkte bereits erkannt. „Das Umsetzen“ nimmt dir, am Ende, auch kein personal Coach ab, er trägt dich gern teuer bis dahin.

        Bleib tapfer!

  1. Lieber Henning,
    ich wünsche dir – und uns allen! – sehr, dass 2022 besser wird.
    Ich wünsche dir, dass es dir gelingt, mit deinem großen Verlust umzugehen. Die Zeit heilt zwar definitiv nicht alle Wunden, aber zeitlicher Abstand hilft, dass es „besser“ wird. Man lernt, *damit* zu leben und umzugehen. Mein Vater ist jetzt schon viele Jahre tot, es fließen keine Tränen mehr, stattdessen sind es oft schöne Erinnerungen oder auch immer wieder der Gedanke „oh Mann, wie schade, dass er nicht hier ist, das hätte ihm so sehr gefallen“. Oder „jetzt wäre er stolz auf mich/würde meckern“. Und dann fühle ich vor allem Liebe und nicht mehr Kummer. So oder ähnlich wird es vielleicht auch bei dir werden. Dass die ersten Monate aber erstmal schrecklich, schlimm und traurig sind, daran gibt es nichts zu beschönigen. Viel Kraft dir dafür!
    Was das „richtige Mindset“ angeht… Wie ich das hasse! Auch Kummer, Trauer, Wut und Zorn gehören zum Leben. Ich finde es völlig absurd, während einer Pandemie, die Tag für Tag Tausende das Leben kostet mir „ommhhh trallalala ich bin gut drauf jede Zelle meines Körpers ist glücklich etc.“ vorzuträllern. Was ist das für ein bekloppter Narrativ vom immer positiv sein zu müssen? Wir haben derzeit jedes Recht, traurig, wütend, sogar verzweifelt, frustriert etc. zu sein. Für mich finde ich es wichtig, _trotzdem_ meinen Weg zu gehen und das beste aus der Situation zu machen. Wenn Social Media Abstinenz hilft: super. Ich hab gerade erst (wieder-)entdeckt, dass es mir hilft, wieder mehr zu lesen (Fiktion: Romane, Krimis, Scifi,…) – was dann natürlich auch auf Kosten von FB-Präsenz geht. So what?
    Ich finde Reißleinen gut – ich würde nur nicht bis 100 m überm Boden warten, um den Fallschirm zu öffnen, sondern besser schon vorher, rechtzeitiger. Dann geht’s vielleicht auch ohne Schrammen.
    Keine Ahnung, ob du damit etwas anfangen kannst, das war nur, was mir jetzt dazu in den Sinn kam.
    LG Linni

    1. Ja, siehste, genau das sehe ich eben auch so. Hier im Blog gibt’s auch einen Artikel über „Tschakka“. Meine Güte, wie ich solche Auswüchse hasse. Das Leben ist nun mal nicht so geradlinig, wie man sich das vielleicht manchmal vorstellt. Und da können diese ganzen Ich-habe-einen-Kurs-in-dem-du-mit-dem-richtigen-Mindset-lernst-einen-Kurs-zu-verkaufen-Coaches einfach mal abdampfen. Denn meistens ist ihr Gerede doch ziemlich realitätsfremd.

      Nein, ich hab die Reißleine auch schon eher gezogen. Zumindest hab ich erstmal geguckt, wo die ist. Das hat sich im Blog so geäußert, dass ich im Gegensatz zu meinen Angewohnheiten eben nichts mehr zum aktuellen Geschehen – gleich welcher Art – beigetragen habe. Aber ernsthaft: Die Symptome haben sich ja über Wochen angekündigt. Und so muss ich dann doch sagen: So eine Pause von Social Media ist nicht so das schlechteste.

  2. Hi Henning,
    Al Bundy hat es mal auf den Punkt gebracht: „das Leben ist beschissen – aber es dauert Gott sei Dank nicht ewig..“
    Ich glaube alle Menschen haben immer mal wieder mit Problemen und auch Schicksalsschlägen zu kämpfen. Wir stecken das weg – solange Sie nicht geballt auftreten. Ein Job-Verlust – das passiert in der heutigen Zeit schnell. Auch das durchrutschen nach Hartz IV ist bei Arbeitnehmern > 50 immer eine Option. Dann die Scheidung, wenn der Partner sich ein anderes Lebensmodell gewünscht hat, indem Sie nicht einen arbeitslosen Stubenhocker mit durchfüttern will. Dadurch bedingt der Verlust der Wohnung, die man sich alleine nicht mehr leisten kann. Als Kirsche auf der Torte dann noch der Verlust eines Elternteils oder besten Freundes – da stürzen viele Menschen ab, weil ihnen Ihr Leben im Zeitraffer entgleitet. So etwas kann natürlich immer passieren – aber solange wir das Lebensgift Häppchenweise schlucken, erholen wir uns wieder. Problematisch ist, wenn es keine Verschnaufpause dazwischen gibt. Ein Mensch kann viel wegstecken – aber nicht alles..
    Ich glaube bei Dir war es insgesamt ein bisschen zu viel. Wenn einem die Tränen wegen der winzigsten Angelegenheiten aus den Augen kullern ist man durch. Hatte ich auch schon mal – hab’s selber nicht mal gemerkt. Meine Sekräterin hat mich drauf aufmerksam gemacht. Zu viel Arbeit – der Versuch es allen recht zu machen – zeitweilig mit 4 Mobiltelefonen durch den Komplex gerannt.
    Ich musste die Reissleine ziehen und habe mich auf eigenen Wunsch kündigen lassen. Im nachhinein war es die richtige Entscheidung, auch wenn es natürlich finanziell erst mal schlechter war – meiner Psyche hat es gut getan..
    Das soll kein Ratschlag für dich sein, alles hinzuschmeissen, aber eventuell musst Du die Prioritäten im Leben neu ordnen?
    CU
    P.

    1. Nö, so schlimm scheint es nicht bei mir gewesen zu sein. Ja, viel Arbeit, der Tod, das unendliche Corona-Theater waren viel. Viel zu viel. Deshalb hab ich ja auch Luft geholt. Ich habe deshalb das einzig sinnvolle gemacht.
      Shit, war das ein Wetter, als ich ein paar Tage frei hatte. Aber der dicke Typ hat dennoch angefangen, täglich die Nase in den Wind zu hängen. Auch hat der dicke Typ damit angefangen, gesünder zu leben und auch mal anderen beim Chaos den Vortritt zu lassen.
      Ich habe mir einfach gesagt, dass es einem niemand dankt, wenn man sich kaputt macht. Das letzte Quartal war für mich die Hölle. Aber das kann ja nicht jedes Quartal so sein. Und hey, ich werde ganz bestimmt nicht hinschmeißen. Ich sortiere nur meine Prios. Das ist das Beste, was man machen kann.
      Bleib gesund und zuversichtlich!

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