Connewitz: Wie in Leipzig entmietet werden soll

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Ich stamme aus dem Leipziger Stadtteil Connewitz. Es ist seit vielen Jahren nicht mehr mein Zuhause. Aber dennoch interessiert mich, was dort vor sich geht. Und so habe ich durchaus mitbekommen, was derzeit in der Thierbacher Straße passiert, die sich neben der oben abgebildeten Grundschule Connewitz befindet. Und sorry, darüber müssen wir uns einmal unterhalten.

Die Ursprünge von Connewitz

Man denkt vielleicht, dass Connewitz schon immer “alternativ” war. Das ist aber Quatsch. Gegründet wurde das frühere Dorf von Sorben als Konowiza. Das bedeutet so viel wie “Ort, wo die Pferde weiden”. Deshalb redet man bei einem kleinen Teil des Waldstücks “Der Apitzsch” an der Apitzschgasse auch von “Pferdeschwemme”. Ich schrieb mal ausführlich darüber.

Unweit von dort stoßen nahezu direkt die Probstheidaer Straße, die Prinz-Eugen-Straße und die Biedermannstraße aufeinander. Dort war der ursprüngliche Ortskern von Connewitz. Und dort befand sich früher auch mein Schulhort. In dem Haus befindet sich nun eine Immobilienfirma, die auch schon mal Ziel von Angriffen wurde. Entlang der Prinz-Eugen-Straße breitete sich Kunawiza in Richtung heutiger Koburger Straße aus. Dort befand sich dann auch ein Rittergut.

Mit der Zeit kam ein Neudörfchen am Mühlholz dazu, und in Richtung des heutigen Marienbrunn wurde Ölschwitz eingemeindet. Connewitz wuchs und wuchs und wurde mit seinen inzwischen über 10000 Einwohnern 1891 nach Leipzig eingemeindet. Eine Baufachschule entstand, und mit der Zeit wurde Connewitz ein bürgerlicher Stadtteil mit Art Déco und Neuer Sachlichkeit. Das berühmte St.-Elisabeth-Krankenhaus wurde eröffnet und Schulen errichtet.

Der Connewitzer Verfall

In Connewitz entstanden Sporthallen, Einkaufsmöglichkeiten und Kraftwerke. Aber die Stadtführung und die Entscheider auf Staatsebene fanden Plattenbau-Siedlungen wie Lößnig und vor allem Grünau viel geiler. Und so kam es, dass der ehemals so stolze Stadtteil Connewitz mehr und mehr verfiel. Sie denken vielleicht, das begann erst nach “der Wende”. Aber ganz ehrlich, das war schon ab Mitte der Achtziger zu erleben, wenn nicht noch früher.

Die Gründerzeithäuser moderten vor sich hin, die Straßen waren mehr oder weniger nur noch Äcker, die Schulen waren eiskalt und zugig usw. Seit 1991 nun ist das Dreieck Connewitzer Kreuz – Wolfgang-Heinze-Straße – Meusdorfer Straße – Bornaische Straße Sanierungsgebiet. Es soll behutsam die Stadt erneuert werden. Häuser wurden vor dem Verfall bewahrt. Dennoch ging es nicht ohne Abriss.

Aber dennoch modert Connewitz immer weiter. Wenn ich manchmal so in der Straße meiner Kindheit vorbei schaue, stoßen Bruchbuden auf schnell-schnell sanierte Häuser und auf hochwertige Bauten. Und wir haben eine supermoderne Wendeschleife für eine Nebenbahn der Straßenbahn. Es bleibt weiter ein bunter Zirkus aus nicht zusammen passenden Elementen aus Vergangenheit, Vergessenem und Neuzeit.

Entmietung nach Plan

Irgendwas muss ja in Connewitz passieren. Ich habe die Sanierung des Hauses miterlebt, in dem ich groß geworden bin. Den Winter über klaffte ein großes Loch vom Dach bis in den Keller denn der Schornstein fehlte. Außerdem war das Haus seit dem Zweiten Weltkrieg dadurch gezeichnet, dass ein Granatsplitter irgendwie ins Haus geschossen sein musste. Jedenfalls war die Treppenhaus-Wand immer uneben.

Andere Häuser in Connewitz wurden sich selbst überlassen. Ich schrieb ja oben, dass da Buden vor sich hin modern. Der Eigentümer eines Hauses dort sitzt einfach mal die Notwendigkeit von Reparaturen aus, will die Mieter heraus ekeln. Es gibt Proteste und Kundgebungen vor dem Haus. Connewitz eben. Das ist schon so lange so, seitdem ich denken kann. “Der Connewitzer” hat sich eben nichts gefallen lassen.

In anderen Stadtteilen Leipzigs pflanzt sich das aber fort. Denn wir müssen uns nicht darüber unterhalten, dass der Wohnraum eigentlich in ganz Leipzig knapp wird und nur enorm teurer Wohnraum geschaffen wird. Dagegen wird lautstark demonstriert. Denn es muss doch einen Weg geben, der Gentrifizierung Einhalt zu gebieten. Als “gentry” bezeichnet man “niederen Adel”. Und hier sollte die Stadt Leipzig nachdenken, ob man das wirklich will.

Connewitz hat sein Flair verloren

Wenn man heute an der Bornaischen Straße an der Eisdiele ansteht, die aus einer altertümlichen Softeis-Maschine, die sie hegen und pflegen, Softeis verkauft, dann hat man Zeit, über seine Herkunft nachzudenken. Da stehen nicht mehr die Arbeiterkinder von früher an wie wir damals am Rembrandtplatz in Altlößnig. Ja, Connewitz hat anderes Klientel bekommen. Das ist ja auch in Ordnung. Aber es hat sich eben auch dadurch verändert.

Die Bornaische Straße – in meiner Kindheit die Fritz-Austel-Straße – ist enorm laut. Das liegt nicht nur Straßenbahn und Autos. Das liegt vor allem daran, weil der Zustand bedauernswert ist. Die Pulsader des Stadtteils neben der “KarLi” verkommt. Wo man früher Bäcker, Fleischer, Lottoladen, Drogerie hatte, sieht vieles eher verlassen und vergessen aus. Und damit hat Connewitz sein Flair verloren.

Auf dem Wiedebachplatz, der damals mal Spielplatz und Ort der Erholung war, werden Gestalten vermutet, denen man nicht im Dunkeln begegnen möchte. So heißt es zumindest. Das ist sehr schade. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Das will man in den Griff bekommen. Ich glaube, damit hängt es eben zusammen, dass man so eine wilde Entmietung vollführt, wie es derzeit berichtet wird. Da muss Ihnen niemand erzählen, dass sich das die Bewohner gefallen lassen.

Denn eins ist geblieben: Der Stolz. Neben all den bedauerlichen Zuständen und all den teils missglückten Versuchen, Connewitz moderner zu machen, haben sich die Connewitzer den Stolz bewahrt. Deshalb gibt es ja auch die Proteste gegen Vermieter, die so handeln, wie es berichtet wird. Eine Entmietung wird deshalb nicht so einfach, wie man sich das vielleicht vorstellt.

2 Kommentare

  1. Sanieren ist nun mal nicht für lau zu haben.
    Ich wohne seit Kindertagen in Der Südvorstadt.
    Vor 20 Jahren war mein (Haus), wo ich nach dem Tod der Eltern immer noch lebte, inzwischen im EG, weil das 3. (wo ich früher wohnte) und 4 OG quasi wegen undichten Dach unbewohnbar waren, dran.

    Ein größeres Immoblienbüro aus den Altländern hatte das Haus von der LWB gekauft. Die Wohnung, 4 Zimmer Ofenheizung war mir allein sowieso zu groß. So nahm ich das Angebot an wegen der Sanierung auszuziehen.
    Ich stellte 2 Bedingungen, eine sanierte kleinere Alternative in der Nähe die nicht teurer ist + Umzugskosten. Bekommen habe ich beides dann beim selben Eigentümer ein paar Straßen weiter. Die Kaltmiete war selbst damals nicht exorbitant (10 DM/m²) Es gab damals schon Angebote um die 17.- DM.
    Diese Miete habe ich nun 20 Jahre gleichbleibend gehabt.
    Inzwischen gab es einen Eigentümerwechsel. Der will nun endlich Kasse machen und 7% mehr obwohl er laut Mietspiegel 15% dürfte.
    Ein Rundumschlag gegen die bösen Miethaie ist also unangebracht.
    Wohnverhältnisse wie vor 25- 30 Jahren braucht kein Mensch mehr.
    Außer vielleicht spezielles Connewitzer Klientel.
    Ach nein, die wollen wohnen wie im Westen und zahlen wie in der DDR:
    Davon kann man träumen, realistisch ist das nicht.

    1. Der Meinung bin ich ja auch. Das sind komische Ansichten da in Connewitz. Ich habe aber mal meine Eindrücke aufgeschrieben, wie sich Connewitz mir darstellt. Und das ist schon merkwürdig.
      Noblesse gibt es nicht zum Nulltarif. Aber dort ist mehr oder weniger alles nur halb gewollt. Und das sieht man dem Stadtteil eben auch an.

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