Deutung, wie es uns gerade passt - Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Deutung, wie es uns gerade passt - Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Deutung, wie es uns gerade passt

Deutung: Wir tun alle so, als wüssten wir, wie der Hase läuft. Ich kann es nicht mehr hören. Wer besitzt denn die Hoheit über die Deutung von Geschehnissen? Sprich: Wer hat die Deutungshoheit? Die Internet-Gemeinde, wie es immer heißt? Jeder einzelne, der meint, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben? Politische Kräfte in Zeiten von Wahlkampf? Medien, die aufgrund ihres Geschäftsmodells Klicks generieren müssen? Wer sagt mir, was richtig und was falsch ist?

Was bedeutet Deutung?

Im Wikipedia-Projekt Wiktionary finde ich, was man unter Deutung verstehen soll. Es ist der Versuch, den tieferen Sinn einer Sache zu begreifen. Gut, das machen wir jeden Tag. Warum zum Geier regnet es heute, wo ich frei habe? Wieso muss Wasser für den Kaffee kochen? So etwas in der Art. Ihr wisst, was ich meine. Wissenschaftler üben sich seit unzähligen Jahren in der Deutung der germanischen Runen. Was da alles schon erklärt wurde und dann als falsch erklärt wurde.

Schlimm wird es aber, wenn es Leute sind, die eigentlich nichts mit einem Thema zu tun haben und sich dann in der Deutung von irgendetwas üben. Ich zum Beispiel denke, dass ich von Teilen der Informatik ganz gut Ahnung habe. Früher war ich eine Art Schlosser, also verstand ich dabei auch etwas von Metall, Physik und all dem. Ach ja, und ich habe Musik gemacht, war da also auch nicht ganz unwissend. Aber habe ich deshalb Ahnung von Quantenphysik?

Braucht es deshalb meine Deutung, wieso Teilchen in einer gewissen Geschwindigkeit quasi fliegen oder warum das menschliche Auge für gewisse Geschwindigkeiten einfach zu träge ist? Ich glaube nicht. Deshalb braucht es also auch nicht mein Halbwissen, um eine Pandemie zu verstehen. Wenn nun irgendwer irgendwas zu einer Gesundheitssituation von sich gibt, erwarte ich also von dem- oder derjenigen, dass entsprechendes Fachwissen vorhanden ist. Alles andere ist Deutung mittels Wünschelrute.

Schauspieler, bleibt bei eurer Bühne

Dieser Tage kamen etliche Schauspieler daher und erzählten irgendwas in Kameras. Ich will das Alles gar nicht wiedergeben. Jedenfalls hat man sich als Publikum schon bisweilen gefragt: Was zum Henker wollen die einem erzählen? Dass die Pandemie gar nicht so schlimm ist, die Politiker alle Scheiße bauen und die Medien gleichgeschaltet sind? Ich frage ja nur. Denn eine Einordnung steht mir nicht zu, das wäre in meinem Fall auch bloß Deutung.

Was schrie die so genannte „Netz-Gemeinde“ auf! Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Im Falle von Jan-Josef Liefers, Ben Becker oder Ulrike Folkerts heißt das wohl: Schauspieler, bleibt bei eurer Bühne. Es gibt nicht ohne Grund Satiriker und Schauspieler parallel. Zur Satire muss man wohl auch ein Stück weit geboren sein. Und den „Tatort“ haben wir eher weniger als Satire in Erinnerung.

Was war diese Gesellschaft schön, als man in der ersten Corona-Welle aufeinander aufgepasst hatte, rücksichtsvoll und auch verständnisvoll war. Jetzt wird zum großen Halali geblasen, obwohl sich die Situation nicht so grundsätzlich geändert hat. Wo sind wir denn da als Gesellschaft falsch abgebogen? Wer kann mir das erklären, ohne irgendeine wildgewordene Deutung zu bemühen? Stimmt vielleicht der Kommentar von Georg Restle in den Tagesthemen?

Und was hat das jetzt mit mir zu tun?

Ich habe im November hier im Blog geschrieben, dass ihr eure Deutungshoheit behalten könnt. Wenn man nicht pausenlos der Twitter-Hysterie folgt, verpasst man womöglich, worüber man sich gerade mal wieder aufregen sollte. Und so habe ich nicht richtig mitbekommen, wie, was, wo, wer, wann mit den Schauspielern angefangen hatte. Ich hab dann Liefers und ein paar andere Ergüsse gehört. Ja, nun, Schauspieler: Keine Virologen, keine Epidemiologen, keine Gesellschaftswissenschaftler.

Aber natürlich bin ich auch gleich mal auf den Zug aufgesprungen und habe mit geblökt. Ich habe mich in Deutung geübt, obwohl ich genauso wenig Ahnung von Infektionskrankheiten habe wie Meret und Ben Becker. Ein wenig zur Vernunft bin ich dann gekommen, als ich den Kommentar von Georg Restle gehört hatte. Ehrlich, ich will nix mehr mit irgendeiner Deutung zu tun haben. War es nicht so, dass damals die Sternendeuter den Zeitpunkt der Ernte falsch vorher gesagt hatten? Ich bin nicht sicher.

Jedenfalls habe ich nun wieder einmal mitbekommen, dass es eine gute Idee ist, sich aus dem ganzen Diskurs herauszuhalten. Wenn ich mit Wissen glänzen kann, dann tue ich das. Aber von Viren und so habe ich nunmal keine Ahnung. Auch nicht, wie sie sich auf eine Gesellschaft wie die in Deutschland auswirken. Ich kann aber dabei helfen, digital in eine Welt nach COVID-19 zu gehen. Muss ich mich deshalb in Deutung üben? Nein. Und ihr auch nicht.

Fachthemen und Musik

Für diesen Blog bedeutet das nach wie vor, dass ich mich aus gesellschaftlichen Monsterthemen, Politik und dergleichen heraushalte. Ich habe genügend Fachthemen auf der einen Seite und mein Hobby – die Musik – auf der anderen Seite. Macht ansonsten mit dieser Pandemie, was ihr wollt. Tut mir aber bitte den Gefallen und hört auf, „XYZ verhaften“ oder sowas zu fabulieren. Was wäre – ohne Deutung von irgendwas – die Rechtsgrundlage?

Und das ist es, was ich meine. Wir sollten allesamt wieder verbal abrüsten. Reden wir von Gesellschaft. Das Wiktionary meint zu dem Begriff: Eine größere Gruppe organisiert zusammenlebender Menschen. Momentan ist vieles chaotisch. Auch, weil sich viel zu viele auf irgendeine Deutung verlassen. Da will ich nicht mehr mitmachen. Aber dann lasst mich auch mit all diesem Quatsch in Ruhe. Dankeschön.

Deutung, wie es uns gerade passt - Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Deutung, wie es uns gerade passt – Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

6 Kommentare zu „Deutung, wie es uns gerade passt“

  1. Die Damen und Herren Schauspieler haben sich geäußert. This is a free country. Dürfen sie. Und die Leute, die einen Bruchteil verdienen, die seit über einem Jahr damit beschäftigt sind, dafür zu sorgen, dass Menschen wenigstens eine fifty-fifty-Chance haben, den Mist zu überleben, die jeden Tag Leichen aus den Betten haben und neue Menschen wieder reinlegen von denen sie wissen, dass die Hälfte nicht alleine wieder aufstehen wird. Die haben das Recht, sich verhöhnt vorzukommen. Jedes Recht. #einfachmalneschichtmachen.
    Klar kann man alles aufmachen. Restaurants offen, Schulen, Büros, alles offen. Aber wenn dann die Öffnungs-Deppen anfangen zu keuchen, dann wollen sie halt doch nicht vom Herrn Lindner oder Liefers versorgt werden, sondern hätten gerne ne unterbezahlte Krankenschwester, die seit einem Jahr Überstunden anhäuft. Wenn’s dann drum geht, wer nun den Schlauch in den Hals kriegt und vielleicht überleben darf, dann sind die Herren nicht mehr konsequent ironisch, sondern hätten gerne Privatbehandlung. Und wenn sie wieder krabbeln können, stellen sie sich hin und sagen „Ey Leute, Corona ist echt null Problem, seht mich an, ich hab’s auch überlebt.“ X-mal Passiert. In USA und bei uns.
    Die beatmeten Patienten sind derzeit im Durchschnitt 48. Und die Hälfte davon wird das nicht überleben. Welcher Hinterbliebene wird sich in Zukunft noch einen Börne ansehen, ohne mit harten Gegenständen zu werfen? Dass die ARD versucht, die Leute in Schutz zu nehmen, die bei ihnen Verträge haben, ist doch klar. Die können doch nicht das Halali auf ihre eigenen Mitarbeiter anstimmen – obwohl das eigentlich ziemlich angesagt wäre.

    1. Hallo Reinhard,

      jawoll, da ist viel richtiges dabei. Ich kann die Verbitterung durchaus verstehen. Vor allem, wenn es sinnvolle Erklärungen gibt, wieso das Alles nicht so eine großartige Idee ist. Ich meine, ich bin kein Experte. Da verlasse ich mich dann auf die, die Experten sind. Wieso können das die Menschen, die im Rampenlicht stehen, nicht auch einfach mal machen?

      1. Ich hatte vorgestern ein Gespräch mit Leuten, die sehr nah an „denen ganz da oben“ sind. Die intelligent sind und wirklich auch Insiderinfos haben. Also Leute, die man zu diesen „Eliten“ zählt. Die leben tatsächlich in ihrer „Blase“. Für die sind die Toten und Erkrankten Zahlen. Es geht nicht darum, dass Schwester Marianne auf Station heulend zusammenbricht, sondern dass der Parteigenosse sein Leid klagt, dass seine Tochter daheim Terror macht. Die Chefs der Krankenhauskonzerne kennen auch nur ihre Umsatzzahlen und nicht die Station vor Ort – und wenn dann einer der Eliten doch mal auf Station geht, da lassen sie ihn garantiert nicht dort hin, wo gerade die Kacke am dampfen ist. Die Politik wird nicht aufgrund wissenschaftlicher Evidenz tätig, sondern aufgrund anekdotischer Informationen. Die Abgeordnetenbüros erhalten am Tag 1000 Mails, 90% beschweren sich über die Schließungen. Die Interessenvertreter stehen jeden Tag auf der Matte und wollen entweder Geld oder Öffnungen. Dass die Mehrheit das gar nicht will – das ist seit einem Jahr in Untersuchungen gut dokumentiert – aber das kommt bei den Politikern nicht an. Ich saß da vorgestern mit diesen Leuten zusammen und habe gedacht, ich bin im falschen Film. Ich musste Sachen referieren, von denen ich dachte, das ist längst Allgemeinwissen. Dazu kommt noch, dass Menschen Dinge, die ihnen unangenehm sind, nicht hören wollen. Und die Tatsache, dass die allermeisten Politiker, bis auf Gemeindeebene herunter, seit einem Jahr in geradezu epochalem Maßstab versagt haben, wer will das hören? Niemand. Da wird verzweifelt nach Ausreden gesucht. Und ich gestehe, ich habe den Leuten auch nicht gesagt, dass sie in meinen Augen Vollpfosten sind. Ich war nett und freundlich, man will sich ja nicht prügeln. Mein Fehler.

  2. Hi Henning,
    Deutung? Oder eine Meinung zu etwas haben? Ich meine, die haben wir doch alle. Täglich haben wir mit Corona Verordnungen zu tun, die sich ändern, oder neue Dinge an die man denken muss. Das mit den Schnelltests wusste ich gar nicht – auch dass man ohne vorherigen Termin nicht einfach in andere Läden kann.
    Natürlich haben wir da eine Meinung zu. Nicht immer sind wir mit den neuen Maßnahmen glücklich oder einverstanden. Aber eine Meinung haben und sie für sich behalten oder Sie lauthals rauszuschreien und sie möglichst noch anderen aufzuzwängen als einzig wahre Meinung – das ist der Unterschied. Das ist leider auch das was man in den sozialen Netzwerken erlebt: Die Schreihälse, die Wichtigtuer – die sind es, die den besonnenen Menschen den Spass vergraulen.
    In unseren morgendlichen Video-Meetings sprechen wir unter Kollegen auch darüber – aber sachlich. Das ist vielleicht auch der Vorteil – man kennt sich – es gibt da keine anomymen Hater oder Trolle.

    1. Hi Peter,

      naja, sagen wir mal so, dass es irgendwie ein Mittelding ist. Klar kann ich eine Meinung haben. Die habe ich auch, und die nimmt mir auch niemand weg. Deutung ist es, wenn ich ohne jeden Sachverstand versuche, irgendwas einzuordnen. Das beginnt damit, dass irgendwelche Kurven beurteilt werden. Und zwar von Menschen, die gar nichts mit Statistiken am Hut haben können, weil sie es halt einfach mal nicht gelernt haben. Und das geht weiter mit der Beurteilung des Geschehens ohne das Wissen von Epidemiologen, Virologen, Demoskopen etc.

      Klar, man sollte sich immer austauschen, was die eigene Meinung betrifft. Und so lang es klar ist, dass es Meinung ist, gibt’s halt auch keine Diskussion. Alles andere, was man so jongliert, ist einfach nur Deutung. Da kann ich genauso gut als Unwissender in den Kaffeesatz starren.

  3. „Wo sind wir denn da als Gesellschaft falsch abgebogen? Wer kann mir das erklären, ohne irgendeine wildgewordene Deutung zu bemühen?“

    Ein fast witziger Satz! Du willst es „erklärt haben“, sagst aber dazu gleich an, dass du keine „wildgewordene Deutung“ hören willst. Was sind deine Kriterien dafür, was eine „wildgewordene“ Deutung ist? Das ist doch wiederum deine eigene Deutung, auf deren Hintergrund du andere als „wildgeworden“ beurteilst und jene, die dir vernünftig erscheinen, eben nicht.

    Der Rückzug auf „Fachkompetenz“ hat nur dort Sinn, wo es um das Vorliegen oder Nichtvorliegen von Fakten geht, die zudem gut messbar sein müssen. Wie mittlerweile eine Mehrheit gelernt hat, gibt es in einem dynamischen Geschehen sogar unter einschlägigen Wissenschaftlern verschiedene Interpretationen von Fakten und darauf fußend unterschiedliche Meinungen.

    Das gern genutzte Argument „mit dem Virus lässt sich nicht verhandeln“, oder „mit Naturgesetzen lässt sich nicht verhandeln“ schlägt nicht, denn wie man sich dazu verhält, ist ja durchaus verhandelbar. Das ist nicht nur für jedes Individuum so, sondern erst recht für die Politik, die zwischen Interessen abwägen muss. Hierzulande heißt das: die (großformatige) Wirtschaft, auf der unser Wohlstand beruht, darf nicht eingeschränkt werden, koste es was es wolle. Deshalb wird im Privaten eingeschränkt, soweit es eben geht. Dass das Unmut hervor ruft, ist verständlich – und eben dieser Unmut war es auch, der dieses Schauspieler hat in ihr Fettnäpfchen treten lassen. Sie leben in anderen, privilegierten Welten, hängen nicht am Puls von Twitter et al und konnten so nicht voraus sehen, was ihre irrlichternde Ironie/Satire/Zynismus auslösen wird im Umfeld aktueller Debatten und einer 3.Welle, die viele kalt erwischt hat.

    Ich bin ganz froh, dass du zwar immer mal ankündigst, dich „heraus zu halten“, es aber doch nicht lange durchhältst! :-) Insbesondere Blogposts zum Thema sind doch eine erholsame Abwechslung zum Twitter-Geschnatter: Ruhiger, mehr ausformulierte Gedanken, Gelegenheiten für entschleunigte Gespräche.

    Eine sehr gute, tief schürfenden Analyse zum Thema:


    Warum ging diese Aktion nach hinten los?

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