Abenteuerland: Die Welt wird smart

„Komm mit mir ins Abenteuerland. Der Eintritt kostet den Verstand.“ – Die deutsche Band Pur hatte vor Jahren ihren wohl größten Hit eben mit „Abenteuerland“. Und wenn wir uns umschauen, dann sind wir genau auf diesem Weg. Die Welt wird smart, Leipzig demnach auch. Wir müssen uns trauen, auch mal zu spinnen. Wir müssen uns auf Abenteuer einlassen. Denn die Welt wartet nicht auf uns.

Smart City: Morgen ist heute

Gestern fand im Kunstkraftwerk Leipzig eine Ideenkonferenz zum Thema „Neue Mobilität“ statt. Es wurden viele Dinge diskutiert. Eingeladen waren eine ganze Reihe von Experten. Von der Universität und der HTWK über die Stadt Leipzig mit ihrer Leipziger Gruppe bis hin zu Engineering-Unternehmen, einem Verein für nachhaltiges Lernen und einem Unterstützerprogramm für innovative Startups war alles vertreten.

Eingeladen hatte die Verbraucherzentrale Sachsen. Und es war wichtig, dass man kontrovers denkt. So war auch der Chaos Computer Club mit seinem Projekt „Chaos macht Schule“ vertreten. Ebenso wie der Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e.V. Die Frage, um die sich alles drehte, ist die Gretchenfrage, wenn wir uns ins Abenteuerland namens Smart Cities begeben: Wie wollen wir in der Zukunft (zusammen) leben?

So läuft vieles zu diesem Thema über den „Smart Infrastructure Hub Leipzig“. Mit den Partnern Verbundnetz-Gas AG, Universität Leipzig, envia M, HTWK, HHL, der AOK Plus, der Leipziger Gruppe, der Strombörse EEX, DellEMC, dem DRK, dem Solarkonzern Conergy, Netzwerk-Energie-Umwelt, PYUR und Arvato Bertelsmann läuft derzeit viel, was „unter dem Radar“ fliegt. Schauen Sie mal vorbei.

Leipzig wird damit mehr und mehr ein Abenteuerland. Wie Pur singen: „Trau dich mal zu spinnen, es liegt in deiner Hand“. So wurde diskutiert. Denn der eigentliche Fakt ist: Die Digitalisierung kommt, Smart Cities ebenfalls. Wir können uns aber darüber unterhalten, ob wir die Regie weiter an US-amerikanische Konzerne übergeben, oder ob wir aktiv mitgestalten wollen.

Die Themen sind vielfältiger Natur

Na klar, es kommen ein ganzer Berg an Themen zur Sprache, wenn wir uns über Dinge wie Smart Cities, Digital Transformation, Big Data und Internet of Things unterhalten. Und so habe ich mir gestern einige Vorträge angehört.

E-Mobilität für Mieter: Kommt die Ladestation vor die Wohnung?

Es ist ja abzusehen, dass durch die demografische Entwicklung das Durchschnittsalter steigt. Damit wird es zur Mammutaufgabe, bezahlbares Wohnen zu ermöglichen. Sven Winkler vom Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften zeigte zum Beispiel auf, dass es für Wohnungsgenossenschaften im Osten schwierig ist, innovativ zu sein. Denn hier sind die Einkommen niedrig, die Mieten aber vergleichsweise auch.

Dennoch gibt es viele Projekte, in denen sich die Genossenschaften im Verband mit Photovoltaik, Smarthome, Abfederung von Stromschwankungen und Dingen wie E-Ladestationen beschäftigen. Eins der größten Probleme ist die Abrechnung. Denn in Deutschland ist es so: Rechnest du als Vermieter den Stromverbrauch der Ladestation über die Betriebskosten ab, bist du Stromanbieter. Wie soll denn so ein gordischer Knoten gelöst werden?

Künstliche Intelligenz und Smart Driving: Übernehmen Autos unser Denken?

Frau Prof. Dr. Sibylle Schwarz von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig referierte zum Thema autonomes Fahren. Die dazu notwendigen Fahrzeuge sollen das mit künstlicher Intelligenz tun. Aber was ist das überhaupt? Es gibt hier zwei Ansätze:

  • Simulation menschlichen Verhaltens: Kann eine Maschine sich so verhalten wie ein Mensch? Wenn genügend Informationen vorliegen, dann schon. Das kann mit dem Turing-Test ermittelt werden. Warum ein Verhalten so eingetreten ist, spielt dabei keine Rolle.
  • Simulation menschlichen Denkens: Hier geht es um die logische Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen. Hierbei ist praktisch „eigenes Denken“ notwendig.

Ist es denn wirklich der Fall, dass autonome Fahrzeuge sicherer fahren als der Mensch? Und wie ist das überhaupt? Können autonome Fahrzeuge zuverlässig sein? Und wie gehen wir damit um. Ich glaube, hier geht noch einige Zeit ins Land. Dennoch muss man darüber nachdenken.

Das digitale Paradoxon: Wissen wir, was andere von uns wissen?

André Igler vom Projekt „Chaos macht Schule“ des Chaos Computer Clubs war auch ein Speaker. Er lebt auf einer Alm in Südkärnten. Der nächste ÖPNV befindet sich zig Kilometer entfernt. Und er referierte darüber, dass die technischen Errungenschaften Smart Home, Smart City und andere allesamt Nutzerdaten brauchen. Wird dadurch der Mensch gläsern?

Was ist mit der viel gepriesenen Datensparsamkeit in den Zeiten von WLAN, Smart Home, Kundenkarten und Co.? Ich fand es richtig, dass auf so eine Ideenkonferenz, auf der über so ein Abenteuerland wie Smart Cities gesprochen wird, auch mal kritisch hinterfragt wurde. Denn bei all den Verheißungen ist immer die Frage: Kann ich beeinflussen, wer welche Daten warum von mir bekommt und was damit geschieht?

Ideen über Ideen

Ob es das SpinLab ist, die Leipziger Gruppe, die Velowelt, die Landesmedienanstalt, die Staatskanzlei oder wer auch immer: Alle möglichen Ideengeber waren da und präsentierten, was sie zur „digitalen Revolution“ beitragen können. Das große Oberthema ist bei so etwas: Wie erreichen wir mehr Lebensqualität, ohne unsere Seelen zu verkaufen? Gerade hier ist die Startup-Szene in Leipzig enorm dynamisch und agil.

Auch wurde ein erster vollständig elektrisch angetriebener Bus der Verkehrsbetriebe gezeigt. Dessen Einführung war alles andere als einfach. Aber die Probleme wurden offenbar in den Griff bekommen. Und so lädt der Bus an den Endstellen am Hauptbahnhof und am Connewitzer Kreuz über eine Art Stromabnehmer seinen Akku auf und fährt emissionsfrei durch die Messestadt.

Michael Kretschmer will Sachsen grün und digital machen

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer war gestern auch zugegen. Freundlich schüttelte er Hände und stellte sich dann im Ideen-Forum den Fragen der Anwesenden. Ja, Sicherheit und Datenschutz können nicht getrennt betrachtet werden. Und die sächsische Braunkohle geht irgendwann zu Ende. Bei wachsendem Stromverbrauch durch die Digitalisierung muss sich das Land langsam etwas einfallen lassen.

Ich glaube, es ist ein großer Drahtseilakt für die Staatskanzlei: Einerseits die vielen Menschen, die ihr Leben mit der Kohle verbinden. Andererseits Innovationen, Strukturwandel, Digitalisierung. Er hat da meiner Meinung nach nicht die falschesten Voraussetzungen, stammt er doch aus der Region Görlitz, die zu den Regionen Deutschlands mit hohen Zukunftsrisiken gehört.

Kretschmer saß mit Menschen zusammen und unterhielt sich über die Digitalisierung mit all ihren Risiken und Vorteilen. Er als einer der politischen Treiber des digitalen Klassenzimmers scheint zu wissen, wovon er redet. Er weiß: Momentan kann Energie noch nicht sinnvoll gespeichert werden. Wenn wir aus der Kohle aussteigen, kommen Gaskraftwerke. Die können auch nicht das Ziel sein, um die digitale Infrastruktur in den Schulen voran zu treiben.

Er wurde viel gescholten. Zu Recht, wie ich finde. In manchen Situationen verhielt sich Michael Kretschmer durchaus – nun ja – unerwartet. Aber in Sachen Digitalisierung ist er meiner persönlichen Meinung nach eine gute Besetzung. Und zwar basierend auf einer Leitkultur, die eben auch vorschreibt, dass US-amerikanische Konzerne hier nicht einfach tun und lassen können, was sie wollen.

Fishbowl-Panel

Zum Abschluss fand ein Fishbowl-Panel statt. Das ist ein Diskussionsformat, bei dem Teilnehmer ähnlich einem Goldfischglas drapiert sind und das Publikum mehr oder weniger darum platziert ist. Teilnehmer waren Dr. Katja Henschler von der Verbraucherzentrale Sachsen, Torsten Herbst von der FDP, André Igler, Dr. Erik Weber vom SpinLab Leipzig, Datenschützer Thilo Weichert, Dr. Beate Ginzel von der Stadt Leipzig als Koordinatorin SmartCity-Prozess, Ronald Juhrs von den Verkehrsbetrieben und Udo Wehner von der IAV GmbH.

Das Oberthema war: Wollen wir Google und Facebook die Welt überlassen, und was spielt China für eine Rolle? Eine lebhafte Diskussion fand unter diesem Gesichtspunkt statt. Das Problem, wieso Deutschland nicht aus den Puschen kommt, ist einerseits der fehlende Innovationsgeist bei Entscheidern auf kommunaler sowie landes- und bundespolitischer Ebene und andererseits Geld.

Igler befand, dass das Silicon Valley ein Mythos ist, dem man nicht hinterherrennen muss. Man muss eigene Wege finden, vor allem vor den rechtlichen und ethischen Voraussetzungen. Und am Ende sind alle – Unternehmen, Vereine, Politik, Privatpersonen – dazu eingeladen, einfach mal drauflos zu spinnen. Wer weiß, vielleicht schaffen wir uns eine Smart City, die mit unseren Werten und Vorstellungen einher geht.

Ein zu kleines Schaufenster

Etwa 4 Stunden dauerte die Konferenz. Viel zu kurz, um Themen auszubuchstabieren. Das Schaufenster ins Abenteuerland war viel zu klein. Aber es war ein enorm wichtiger Blick dahin. Wie ich oben schrieb: Die Digitalisierung kommt voran, und die Smart Cities werden kommen. So oder so. Die Frage, die letztlich alles entscheiden wird, ist doch tatsächlich nur: Wie werden sie kommen?

Wer soll unser Abenteuerland bauen? Google, Facebook, Amazon und Alibaba? Oder wollen wir die deutschen Firmen mehr einbringen? Wollen wir eine intelligente Stadt, die von der Stadtverwaltung im Sinne ihrer Bürger geschaffen wurde? Und wollen wir die abschließende Hoheit über die Frage haben, wer was mit welchen Daten anfangen soll? Dann brauchen wir einen neuen Gründergeist und eine Politik, die das mit voller Kraft begleitet.

Am Ende ist das Abenteuerland grüner und nachhaltiger als alles, was uns bisher vorschwebt. Wir müssen uns trauen, darüber zu spinnen. Das hat nichts damit zu tun, irgendwem eine Lizenz für ein Software-Produkt aufs Auge zu drücken. Es geht um mehr. Denn die Lizenzen haben sich bald erledigt. Die Zukunft aber endet nie. Lassen wir uns das Spinnen nicht nehmen, und wenden wir den Blick nie vom Abenteuerland ab.

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