Sozialer Abschuss: Hatespeech und Lebensgefahr

Hassreden gab es schon immer. Meistens standen da Leute in Fußgängerzonen und palaverten wunderliches Zeug vor sich hin. Im Internet ist das schon etwas anderes. Da kann man sich gern mal hinter Pseudonymen verstecken. Schlimm wird es, wenn Hatespeech außer Kontrolle gerät und dann zur Gefahr für Leib und Leben wird. Sie denken vielleicht, ich übertreibe. Aber das ist gar nicht so weit hergeholt, wie ich nun dieser Tage mitbekommen habe. Der soziale Abschuss ist in dieser Woche das Thema in meinem Abwasch der Woche.

Was bitte ist denn Hatespeech?

Der Begriff besteht aus zwei englischen Worten. „Hate“ ist das englische Wort für „Hass“. Und „Speech“ ist die „Rede“. Im eigentlichen Sinne doziert also jemand öffentlich über Hasse. Ziel des Ganzen ist, jemand verhasstes zu verunglimpfen, herab zu würdigen oder Gewalt auszusetzen. Das Ganze kann so weit gehen, dass das Opfer seines Lebens nicht mehr sicher ist. Und das Schlimme daran ist, dass nicht selten Angehörige darunter zu leiden haben. Es kann ziemlich übel für das Opfer werden.

Solche Hassprediger gibt es zu allen möglichen Themen. Neben den üblichen Verdächtigen, wie „die BRD GmbH“, „die Juden“, „die Russen“, „die Krimigranten“, „die Neubürger“, „die da oben“, „die Linken“, „die Rechten“ oder welche Gruppe auch immer, kommt es auch immer wieder vor, dass Einzelpersonen unter Hate Speech zu leiden haben. Dabei hört das Ganze nicht mal auf, wenn sich das Alles ausgereizt hat. Manchmal geht das so weit, dass den Opfern ernsthaft nach dem Leben getrachtet wird.

Hatespeech kann sehr gut zum Straftatbestand werden. Wer geglaubt hat, schon richtigen Hass erlebt zu haben, weiß noch nichts davon, wie weit das Ganze wirklich gehen kann. Die Opfer wissen dann einfach nicht mehr, was sie noch machen sollen. Hatespeech kann ganze private, persönliche und gesellschaftliche Existenzen zerstören. Und was ich da gelesen habe, haut dem Fass einfach den Boden aus.

Da bist du mal zur falschen Zeit am falschen Ort

Erinnern Sie sich noch an den Terroranschlag in Nizza? Das war schlimm. Zum Nationalfeiertag Frankreichs raste ein Lkw in eine Menschenmenge. Und erinnern Sie sich an die Schießerei im Münchner Olympiazentrum? Ein „arischer Iraner“ schoss um sich, weil der sich als Herrenmensch sieht. Klingt irre, oder? Was haben beide Ereignisse gemeinsam? Der Journalist und Blogger Richard Gutjahr war jedes Mal zufällig vor Ort. Seitdem hat er mit Hass der besonderen Sorte zu tun, der auch seine Frau und seine Tochter betraf.

Der Reporter berichtete geistesgegenwärtig von den Geschehnissen vor Ort. Seitdem hatte er mit Hass zu tun, wie man es sich nicht vorstellen will. Unzählige Videos auf Youtube, Postings auf Facebook und so weiter und so fort bezichtigten ihn und seine israelische Frau, Teile einer großen, internationalen Verschwörung zu sein, um eine neue Weltordnung zu etablieren. Terroranschläge wären inszeniert worden, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Ja, das mag erstmal witzig klingen. Sie mögen sich vielleicht denken, dass man die __(bitte passenden Begriff einsetzen)__ einfach reden lassen sollte. Aber das Ganze verselbständigte sich. Es folgte ein nicht enden wollender Shit-Tsunami, also eine erbarmungslos gesteigerte Form von Shitstorms. Das führte zu psychologischen und körperlichen Problemen. Und die Kinder werden dabei auch nicht in Ruhe gelassen. Alles gesteuert durch Wortführer in sozialen Medien, die sich hinter einer Anonymität verstecken.

Dann lass die Kanäle doch sperren

Da bist du als Journalist zufällig vor Ort und berichtest von solchen Geschehnissen. Plötzlich wird gegen dich eine beispiellose Hetzkampagne gefahren, die den Grundtenor hat, dass du selbst in die Geschehnisse verstrickt bist. Wie würde man sich denn da fühlen? Terror ist eine gesellschaftlich schlimme Sache. Und wenn „Truther“ (Verschwörungstheoretiker, die meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben – siehe hier) überzeugend genug mit ihren Anschuldigungen sind, fallen diese bei ihrem Publikum auf fruchtbaren Boden. Und dann rollt die Welle.

Richard Gutjahr hat versucht, die entsprechenden Kanäle sperren zu lassen. Es wird Sie überraschen, aber das war nicht vollständig erfolgreich. Und die US-Konzerne hinter den sozialen Netzwerken zeigen auf andere, die da etwas tun sollten. Am Ende ist ein mehrjähriges Martyrium für die Familie Gutjahr heraus gekommen, bei dem der Tochter unter anderem auch eine Patrone zugesteckt wurde. Alles nur, weil er berichtet hatte? Und die Betreiber der sozialen Netzwerke zucken mit den Schultern und tun so, als ginge es sie nichts an.

Die sozialen Netzwerke geben sich immer so wahnsinnig sozial und verweisen auf Gemeinschaftsstandards. Wenn es dann aber hart auf hart kommt, steht man als Betroffener dann auch bloß allein da. Die Verschwörungstheoretiker haben da ziemliche Narrenfreiheit. Da seine Frau Israelin ist, so diverse Vermutungen, könnten sich die ganzen Anfeindungen auch gegen seine Frau richten, weil Israel ja immer die Weltherrschaft an sich reißen will, wie man von den „Truthern“ hört.

Ermittlungen müssen sein

Es kann ja prinzipiell jeden treffen, dass er oder sie mal Opfer eines solchen Tsunamis wird. Insofern ist es schon wichtig, dass man sich solche Dokumentationen einfach mal zu Gemüte führt. Weihen Sie in jedem Fall die Ermittlungsbehörden ein. Und liefern Sie Beweise. Richard Gutjahr hat einen umfangreichen Blogartikel zu seinem Martyrium aufgeschrieben. Und dort finden wir auch eine Grafik, wie man im Falle des Falles vernünftig Screenshots macht.

Vielleicht haben Sie ja dann Glück, dass Sie an Ermittler gelangen, die die ganze Sache ernst genug nehmen. Ich weiß von Leipziger Ermittlern, die das Ganze wirklich als „Naja, das ist ja bloß das Internet“ abtun. Es ist etwas her, da musste auch mal in meinem Bekanntenkreis eine Ermittlung wegen Hatespeech angefangen werden. Bis die Ernsthaftigkeit geklärt war, waren alle Eulen verflogen. Ermittlungsbehörden müssen hierbei entsprechend ernsthaft und energisch vorgehen, sonst wird das nichts.

Fazit

Verschwörungstheorien und diejenigen, die sie verbreiten, stellt man gern als nettes Beiwerk dar. Aber sie können durchaus auch reale Gewalt auslösen und das eigene Leben zur Hölle machen. Dass so etwas derartige Macht haben könnte, habe ich mir nie vorstellen können. Und das Alles nur, weil ein Journalist zufällig am Tatort war. Da stellt man schon die Welt infrage. Man darf sich aber dadurch keineswegs unterkriegen lassen. Und vor allem öffnet es die Augen, dass man niemandem nach dem Mund reden darf.

Hoffen wir mal, dass Richard Gutjahr und seine Familie wieder Ruhe finden und das Theater dann irgendwann endgültig aufhört. Denn so etwas treibt einen in die Einsamkeit. Und die macht depressiv. Das hat niemand verdient. Vor allem, wenn man nichts schlimmes gemacht hat. Wie verhält man sich denn dann als jemand, der auch publiziert und im Internet zu finden ist? Soll man denn nun irgendwas anders machen? Also selbst wenn man noch nicht mal ansatzweise so etwas erlebt hat?

Niemand sollte sich anders verhalten. Es herrscht nun einmal Meinungsfreiheit. So lang niemand gegen Gesetze verstößt, darf und muss man sich auch zu Wort melden. Journalisten und Blogger dienen der Wahrheitsfindung. Wer soll denn sonst Dingen auf denn Grund gehen? Wenn alle Publizisten bekämpft werden, die einer Gruppe nicht in den Kram passen, dann bekommen wir eine Einheitspresse. Wollen wir das? Dann hätten Verschwörungstheoretiker das erreicht, was sie eigentlich kritisieren.

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