The Wellerman - Walfang bei TikTok? - Bild von Pexels auf Pixabay

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The Wellerman – Walfang bei TikTok?

Kennt ihr inzwischen das Lied „The Wellerman“? Auf irgendeinem Weg muss es euch in den letzten Wochen über den Weg gelaufen sein. Es geht gar nicht anders. Wobei, eigentlich heißt es gar nicht „The Wellerman“, sondern „Soon may the Wellerman come“. Aber wer achtet schon auf solche Kleinigkeiten? Es wird als Shanty durch die Gegend getragen. Aber auch das ist gar nicht so richtig. Also müssen wir uns das ganze Lied einfach mal anschauen. Vielleicht wollt ihr ja auch mal mitsingen.

Soon may the Wellerman come

Es war einmal ein Schiff, und das stach in See. Und der Name des Schiffes war die „Billy o’Tea“. Der Wind blies stark, ihr Bug tauchte ein. Pustet, ihr Rüpel, pustet!

Sie war noch keine zwei Wochen vom Ufer entfernt, als sie ein Wal von unten angriff. Der Kapitän rief alle an Bord und schwor: Er würde den Wal ins Schlepptau nehmen.

Bevor das Bot auf das Wasser traf, kam der Schwanz des Wals hoch und erwischte sie. Alle Mann auf die Seite, sie harpunierten und bekämpften sie, als sie untertauchte.

Keine Leine wurde gekappt, kein Wal wurde befreit. Und der Kapitän war nicht auf Habgier aus. Aber er vertraute auf den Walfänger-Glauben. Sie nahm das Schiff ins Schlepptau.

Vierzig Tage lang oder noch länger, das Tau wurde schlaff und dann wieder straff. Alle Boote waren verloren, es waren nur noch vier übrig. Und trotzdem zog der Wal weiter.

Soweit ich gehört habe, geht der Kampf immernoch weiter. Das Tau ist nicht gekappt, und der Wal ist nicht weg. Der Wellerman ruft regelmäßig, um den Kapitän, die Mannschaft und alle anderen zu ermutigen.

Bald kommt vielleicht der Wellerman, um uns Zucker und Tee und Rum zu bringen. Eines Tages, wenn das Zerlegen beendet ist, nehmen wir Abschied und gehen.

Shanty oder nicht? Was ist das denn nun

The Wellerman - Walfang bei TikTok? - Bild von Pexels auf Pixabay
The Wellerman – Walfang bei TikTok? – Bild von Pexels auf Pixabay

„The Wellerman“ ist ein Internet-Phänomen. Es wurde angetrieben durch TikTok. Ja, so wie es mit Fleedwood Mac passierte. Alle möglichen Leute wagen sich derzeit an die irre Geschichte des Walfänger-Schiffes und dem wild gewordenen Wal heran. Aber ist „The Wellerman“ überhaupt ein Shanty, so wie es derzeit behauptet wird? Ich habe dazu viel gelesen und mir Einschätzungen und Analysen von Musikexperten, Vokaltrainern, Musikproduzenten etc. angetan.

Ein Shanty – oder Sea Shanty – ist ein Seemannsbrauch. Sie dienen der Unterhaltung. Aber eben auch zum Ziehen und zum Drücken. Das ist alles hier erklärt. Und wenn man es genau nimmt und „The Wellerman“ mit eben den Ausführungen im Artikel vergleicht, dann kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass das Lied alles, aber kein Shanty ist. Hier hört ihr mal einen. Das typische Mittel „Call and Reply“ – wie ich es bisweilen las – fehlt in „The Wellerman“ komplett. Es ist eher ein Volkslied.

Und wer ist nun „The Wellerman“?

Ich habe alles soweit übersetzt bekommen. Bei einem Lied in Mundart wie eben „The Wellerman“ keine sehr leichte Aufgabe. Aber der Begriff ließ sich nicht übersetzen. Also: Wer ist nun der Wellerman? Im Südosten der Südinsel Neuseelands haben die australischen Brüder Weller eine Walfangstation eröffnet. Das muss so in den 1830er Jahren gewesen sein. Und die Weller Brothers Company hatte Versorgungsschiffe in allen ihren Stationen.

Da im südlichen Pazifik die See durchaus barsch und rau sein kann und Seefahrer durchaus auch in Neuseeland ihren Seemannsgarn gesponnen hatten, entwickelte sich dann in den 1860er Jahren „Soon may the Wellerman come“. Egal, wie schlimm alles ist, bald wird uns das Schiff mit Tee, Zucker und Rum versorgen. Das lag aber auch daran, weil die Arbeiter in den Stationen keinen Lohn erhielten, sondern mit Arbeitskleidung, Alkohol und Tabak. Und so kam es zu dem Lied.

Ach ja, das Schiff ist im Lied weiblich. Das liegt daran, weil die Weller-Brüder eine Barkasse namens „Lucy Ann“ hatten, auf der sie einen guten Deal über Rum und Schießpulver machten. Die Weller-Brüder bezahlten Provisionen an die Walfänger von Otakou, deren Mitarbeiter dann „Wellermen“ (Ja, Plural) genannt wurden. So wurde es dann erreicht, dass Otakou auf der Südinsel Neuseelands jährlich 310 Tonnen Walfleisch produzierte. Aber irgendwann waren die Weller-Brüder pleite.

Die Billy O’Tea und der Wal

Im Lied ist die Rede von der „Billy O’Tea“. Die bekommt es mit einem Glattwal zu tun. Das ist die Familie der Wale, die durch die Jagd am meisten dezimiert wurde. Aber das Wal-Weibchen lässt nicht zu, gejagt zu werden. Und so kommt es zu einem großen Kampf. Und wenn sie nicht gestorben sind, zerrt der Wal immernoch das Walfänger-Schiff mit sich herum. Ob es die Wellermen noch gibt, ist derweil leider nicht überliefert.

Das Lied

Jaja, ihr kennt sicherlich alle die Version von Nathan Evanss auf TikTok, oder? Das ist das da. Wie ist denn „The Wellerman“ aber überhaupt zum Shanty geworden? Das ist nicht genau geklärt. Aber eine sehr bekannte Version kommt von der Gesangsgruppe „The Longest Johns“:

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The Longest Johns – The Wellerman

2 Kommentare zu „The Wellerman – Walfang bei TikTok?“

  1. Ihr könnt mich mal

    So etwas bescheuertes habe ich schon lange nicht gelesen. Da werden vom heutigen Erkenntnisstand Bewertungen auf die Vergangenheit übertragen. Damals wurde der Walfang anders gesehen und war wohl auch ökonomisch notwendig. Gab kein Mimeralôl (pfui Teufel) und auch kein Plastik nochmal (pfui Teufel). Heute verabscheue ich den gegenwärtigen Walfang selbstverständlich auch. Aber das auf frühere Zeiten zu übertragen ist einfach närrisch. Wie hättest du dich aus heutiger Sicht 1352 verhalten? Ist natürlich Quatsch. Außerdem, der Song ist selbstverständlich ein Shantys! Ein guter sogar und nicht so ein weichgespült er, wie so üblich!

  2. Fulvio D'Agostino

    Danke vielmals für diesen super Beitrag.
    Mit diesem Lied werden Musiklehrer nämlich auch häufig konfrontiert und ich finde es einfach toll, dass jemand dieses Stück auch einmal analysiert.
    Auch wenn es aus dem 19. Jahrhundert stammt, sollte man sich heute auch darüber Gedanken machen.
    Ich werde diesen Song jetzt nicht im Gitarrenunterricht spielen, auch wenn ihn einige Schüler wünschen.

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