DFB-Pokal: Vorwärts, Rasenball

DFB-Pokal: Vorwärts, Rasenball

DFB-Pokal: Vorwärts, Rasenball

Leipzig ist im Siegestaumel. Die Gründungsstadt des Deutschen Fußballbundes hat nun einen eigenen Sieger im DFB-Pokal. RB Leipzig hat nach all der Zeit gewonnen. Aber reden wir über Tradition, reden wir über Neonazis, reden wir über all das, was rund um RB Leipzig erzählt wird. Dieser Artikel hat nicht den Anspruch, vollständig zu sein. Und ich als privater Blogger habe nicht den Willen, objektiv zu sein. Mir geht es um die große Freude in der Stadt. Ganz ehrlich, ganz unverhohlen.

Der DFB-Pokal hat seine eigenen Gesetze

Wie war denn das in mancher Saison im DFB-Pokal? Die viel besser besetzten Rasenballer schieden in der ersten oder zweiten Runde aus. Gegen Unterhaching oder so. Und sie standen zweimal glücklos im Finale. Einmal gegen die großen Bayern, einmal gegen Borussia Dortmund. Beides Aktiengesellschaften, wie wir ja wissen. Zweimal sind sie gescheitert. Und es gab ein Pokalspiel gegen die Sportfreunde Dorfmerkingen. Schalala! Vorwärts, Rasenball!

In dieser Saison startete RB Leipzig im DFB-Pokal bei Schreckgespenst SV Sandhausen, gegen den sie sich schon arg blutige Nasen geholt hatten. Nach diesem Sieg ging es zum SV Babelsberg, wo ein gewisser Daniel Frahn auf ein Wiedersehen wartete. Danach kam den FC Hansa Rostock ans Elsterbecken. Mit einem gewissen John-Patrick Strauß, der in Leipzig ausgebildet wurde. Schließlich gab es noch ein Wiedersehen mit Dominik Kaiser in Hannover.

Zwischenzeitlich wurde der unglücklich agierende Trainer Jesse Marsch durch Domenico Tedesco ersetzt. Und es folgten die „Festspieltage“ gegen den FC Buttersäure, den 1. FC Union Berlin. Auch diese engen Kisten überstand RB Leipzig. In der Liga war man inzwischen auch wieder da. Niemand aus den Fan- und Vereinskreisen hatte damit gerechnet, dass das noch möglich wurde. Nach einer verkorksten Hinrunde war ein Aus jederzeit möglich. So wie in der Europa League gegen die Glasgow Rangers.

Am DFB-Pokal haben sich Mannschaft, Vereinführung, Trainerteam und Fans orientiert. Das war die Kirsche auf der Torte, der heilige Gral. Schon Tage vorher war immer ein Raunen in der Stadt zu merken. Und das, obwohl Fans von RB Leipzig gern mal im Jammertal leben. Und dann war es soweit: Finale in Berlin! Nun ging es um den Pott. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“

Was haben die Fans gelitten!

Ich würde mich nach wie vor nicht so richtig als Fan bezeichnen. Nach wie vor gibt es genügend an RB Leipzig zu kritisieren. Das ist alles keine Frage. Aber was bitte hat das mit den Fans zu tun? Warum wurden die in Dortmund mit Flaschen und Steinen beworfen? Warum wurde Buttersäure im Gästeblock bei Union Berlin ausgekippt? Was außer versuchte Körperverletzung war ein Gästeblock, in dem Öl ausgegossen wurde? Und vor allem: Was hat das mit Fußball zu tun?

Wir leben in einer zivilisierten Welt. Es erwartet niemand, dass alle Leute vor RB Leipzig einen Kniefall machen. Niemand muss RB Leipzig lieben, der das nicht will. Aber Hetzjagden auf Frauen und Kinder, Gewaltandrohung gegen Fans? Das geht mal so gar nicht. Deshalb haben die Fans gelitten. Wie die Fans der Glasgow Rangers, als die Vereinsführung das viele Geld verschlampt hatte, sodass der Club bankrott ging. Und am Ende hat das Alles Verein und Fans zusammen geschmiedet.

Ich glaube, dass es viele Fans von RB Leipzig gibt, die eine enorme „Jetzt erst recht“-Haltung an den Tag gelegt hatten. Ich verfolge viele Fußball-Menschen auf allen möglichen Wegen. Und ich kann dabei eben einfach mal feststellen, dass die Fans des „Hassobjektes“ RB Leipzig ganz besonders eng an den Verein heran gewachsen sind. Hass schweißt zusammen, sagt man dazu. Und das führt dann dazu, dass Verein und Fans die Mammutaufgabe am 21. Mai gemeistert haben.

Vorwärts, Rasenball! Leipzig überall!

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Was baut der Uhle jetzt die Fanhymne ein? Spinnt der? Der muss doch objektiv bleiben! Nein, muss er nicht. RB Leipzig hat viele in der Stadt enorm glücklich gemacht. Ich reiße hier nochmal kurz an, wie das bei mir war. Das ist nämlich wichtig, um zu verstehen, wie das war und warum RB Leipzig für die Stadt gut ist. Natürlich ist „Stolz des Ostens“ ziemlich übertrieben. So in den Augen der Fans von Dynamo Dresden oder so.

Ich bin in der Nähe von Lok Leipzig aufgewachsen, war auch ab und zu mal mit meinem Vater im Bruno-Plache-Stadion. Alles gut, ich hab dem Verein hinterher gefiebert. Ich habe mich gefreut, als sie nach der Wende wieder ihren alten Namen „VfB Leipzig“ angenommen hatten. Und ich war dabei, als Borussia Dortmund hier war. Aber ich habe gelitten, als der Verein geplündert wurde und der Mäzen Ackermann den großen Zampano mimte. Pleite ging der Club.

Der Nachfolger, Lok, zog zunächst Extremisten und alle Art Gesindel an wie das Licht die Motten. Nein, das konnte niemals mehr mein Verein sein. Und Chemie? Die waren ähnlich tot. Als Fußballfan brauchst du aber eine Heimat. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Mein Vater war Zeit seines Lebens glühender Fan vom VfB Stuttgart, und so hing ich mich daran. Und ich verfolge bis heute enthusiastisch, was da los ist. Aber ein Club in der Heimatstadt ist etwas anderes. Und so fiebere ich mit RB Leipzig mit.

„Vorwärts, Rasenball! Leipzig überall!“ habe ich auch schon mitgebrüllt. Ich war heißer nach den heißen Tänzen gegen Celtic Glasgow, Red Bull Salzburg, VfL Wolfsburg und so weiter und so fort. Mich hat das friedvolle Miteinander am Elsterbecken immer fasziniert. Das tut es bis heute. Und ich merke eben immer wieder, wie nah Fans und Verein sind. Das kann ihnen keiner nehmen. Mir auch nicht.

SC Freiburg, der sympathische Underdog?

Der SC Freiburg macht sich immer kleiner, als er ist. Was wurde da immer erzählt von Tradition, von einfachem Umfeld, familiärer Atmosphäre und all dem. Wenn man sich das so anhört, dann ist RB Leipzig immer der Teufel persönlich und der SC Freiburg der liebe, nette Onkel aus dem Westen. Am Ende ist das aber auch ein Wirtschaftsunternehmen. Sie sind zwar noch ein reiner Verein ohne ausgegliederte Profis. Aber auch dieser Club hat enorme Ausgaben und muss Einnahmen generieren.

Ja, ich finde auch sympathisch, was da im Breisgau abgeht. Aber ich nehme es ihnen einfach nicht ab, dass sie der „Dorfclub“ sind. Nein, so nennen sie sich nicht. Aber sie tun so, als ob sie so rumkommen müssen. Ich finde auch Christian Streich höchst sympathisch, wesentlich mehr als Domenico Tedesco. Aber auch er will am Ende Geld verdienen. Erzählt mir nicht, dass sich der eine Laden so sehr von dem anderen Laden unterscheidet. Underdog war einmal.

Wir sind Pokal

Es war erwartungsgemäß das schwere, fordernde Spiel zwischen Leipzig und Freiburg. Würdig genug, um das Finale im DFB-Pokal zu sein. Und das Spiel hatte wirklich alles zu bieten. Harte Zweikämpfe, enge Entscheidungen, einen Platzverweis, strittige Szenen, Verlängerung, Elfmeterschießen. Wenn wir wirklich ehrlich sind, waren beide Teams auf Augenhöhe und hätten beide Teams es verdient gehabt, den DFB-Pokal zu gewinnen.

Das Elfmeterschießen an sich ist ja immer eine Art Lotterie und hat auch viel mit Nerven zu tun. Beide Teams haben enorm gute Fußballer und enorm gute Torhüter. Am Ende hätte auch Freiburg den Pokal gewinnen können. RB Leipzig war etwas glücklicher, dass der SC Freiburg zweimal verschoss. Das war bitter. Aber letztlich wurden Verein, Spieler, Verantwortliche und Fans von RB Leipzig für all die Entbehrungen, Gefährdungen, Angriffe, Verletzungen, Qualen entschädigt.

Was da in Berlin passiert ist, ist der Lohn für Beharrlichkeit. Man stellt RB Leipzig immer so als Monstrum hin. Aber es sind Menschen. Und die arbeiten hart für ihren Erfolg. So, wie es Michel an der Drehbank macht. Dass am Ende der DFB-Pokal der Lohn ist, war dann nur gerecht. Es war ein Kraftakt, der letzten Sommer in Sandhausen nicht abzusehen war. RB Leipzig hat sich den DFB-Pokal verdient. Der Verein widmet ihn seinen Fans. Und das ist dann auch wieder enorm sympathisch.

Auch nach dem Pokal werden die Anfeindungen nicht aufhören. Und es wird auch in Zukunft noch viel am Verein zu kritisieren geben. Aber irgendwann wird auch RB Leipzig ein völlig normaler Verein sein. Schließlich hat er eine ähnliche Gründungsgeschichte hinter sich wie der große 1. FC Köln. Irgendwann wird Normalität eingekehrt sein. Die Eltern gehen mit ihren Kindern „zu den Bullen“. Und irgendwann wird auch hier der Opa seinen Enkeln von diesem magischen Abend in Berlin erzählen.

Und die Nazis?

Ja, ein Wort noch zu den Nazi-Vorwürfen: Dietrich Mateschitz, durch Red Bull der Mäzen von RB Leipzig, macht gemeinsame Sache mit Jörg Haider, Gottvater der FPÖ, quasi der österreichischen AFD. Und das wirft man RB Leipzig vor? Ein Nazi-Verein? Habt ihr sie noch alle? Man kommt manchmal aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Aber das war es nun aber auch.

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